Hungerkatastrophe
Die Helfer helfen zuerst sich selbst

Afrika durchleidet eine Katastrophe nach der anderen - trotz jahrzehntelanger Hilfe. Ein Grund ist, dass die Helfer von falschen Diagnosen ausgehen und zu oft am falschen Punkt ansetzen. Ein Kommentar.
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KapstadtDer Umgang mit der schweren Hungersnot am Horn von Afrika ist ein Beleg dafür, wie tief der (koloniale) Schuldkomplex des Westens gegenüber Afrika sitzt - und wie virtuos Hilfsorganisationen, aber auch Afrikas Eliten darauf zu spielen verstehen. Möglich ist dies, weil unser Afrika-Bild immer stärker von den Entwicklungshelfern und deren Interessen geprägt wird. Schon aus Selbsterhaltungstrieb rufen sie permanent nach neuen Spenden - und mehr Entwicklungshilfe, schließlich wären die Helfer ohne diese Gelder arbeitslos.

Immer öfter lassen sich aber auch die Medien unkritisch für die Sache der Helfer einspannen. Dies liegt zum einen daran, dass viele Journalisten im Rahmen der Berichterstattung auf die Logistik der Hilfsorganisationen angewiesen sind (und deshalb deren Lied singen), zum anderen aber auch daran, dass viele von ihnen das einfache Weltbild der Helfer teilen: auf der einen Seite der Westen als Täter, auf der anderen Afrika als das ewige Opfer.

Die Helfer haben gute Gründe, dem Westen und dem von ihm dominierten Weltwirtschaftssystem die Hauptschuld für die Misere zuzuschieben. Denn wer mag schon bereitwillig spenden, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Hilfsgüter und Spendengelder in Staaten wie Somalia in die Hände blutrünstiger Warlords fällt? Auch ist fragwürdig, ob viele Hilfsorganisationen wirklich mit Diktatoren, Gangstern oder religiösen Fanatikern wie etwa der Islamisten-Miliz Al Shabaab in Somalia kungeln sollten, damit sie von diesen nicht aus dem Land geworfen werden und wenigstens etwas helfen können.

Wohin dies führen kann, zeigte vor zwei Jahren die enge Kooperation des Welternährungsprogramms (WFP) mit Somalias Warlords beim Transport von Lebensmitteln. Am Ende wurde dabei rund die Hälfte der Hilfsgüter im Wert von fast 200 Millionen Dollar von den Kämpfern für eigene Zwecke abgezweigt - und auf den lokalen Märkten gegen Waffen verkauft. Die Episode ist ein (besonders krasses) Beispiel dafür, dass Organisationen, die gerne andere für die fortgesetzte Notlage Afrikas verantwortlich machen, auf dem Kontinent selbst zu Akteuren werden und den jeweiligen Konflikt befeuern, zumal sie mit ihrer Hilfe die lokalen Machthaber aus der Eigenverantwortung entlassen und Afrikas Selbstheilungskräfte daran hindern, wirksam zu werden.

Kaum erwähnt wird in der Öffentlichkeit, dass in Afrika vor allem deshalb gehungert wird, weil sich der kommerzielle Anbau von Lebensmitteln und der Handel damit unter korrupten Regimen wie in Somalia, Äthiopien oder Eritrea partout nicht lohnen. Entweder ruiniert die über das Land ausgeschüttete Entwicklungshilfe die Preise - oder die jeweiligen Führer stehlen dem Volk die Erträge. Das Konzept des Gemeinwohls ist in Afrika fast überall ebenso unbekannt wie das der vom Westen geforderten "guten Regierungsführung". In kaum einem afrikanischen Land ist zudem privater Grundbesitz gestattet; alles gehört hier dem Staat oder wie in Somalia dem jeweiligen Clan.

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Bevölkerungsexplosion schürt die Not

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  • Es gibt leider sehr wenige Artikel welche das Aufzeigen der Problematik auf den Punkt bringen. Dies ist einer der eher wenigen welche die Problematik aufzeicgen. Leider gibt es auf der anderen Seite keine "Vereinigung" welche derzeit positive Arbeit im EZA-Bereich praktiziert und bekannt ist.
    Fehleranalysen wie diese, aber auch der Hinweiß auf gute praktische Arbeit wären noch eine Webseite wert.

    Gerhard Karpiniec
    Laxenburg/Österreich

  • Leider versteht es der Autor dieses Artikels nicht die Themenkomplexe "Not- & Katastrophenhilfe" und "Entwicklungszusammenarbeit" in Beziehung zu setzen. Letztere heißt auch aus gutem Grund nicht mehr Entwicklungshilfe, da sie partnerschaftlich und auf Augenhöhe stattfinden soll, anstatt Marktzerstörende Almosen abzuwerfen. Dieser Teufel wird in diesem Kontext immer wieder an die Wand gemalt, entspricht jedoch nur bedingt der heutigen Realität. Es gibt sicherlich schwarze Schafe bei den Organisationen und Fachkräften, aber diese als den Standard der Entwicklungszusammenarbeit darzustellen ist ein Schlag ins Gesicht jedes einzelnen Forschers und Praktikers, der sich differenziert mit nachhaltigen Konzepten und Projekten auseinandersetzt. Hierbei spielen die Themen Korruption, Staatswesen, Demographie und viele weitere EInzelaspekte übrigens große Rollen.

    Allen Helfern einen reinen Selbstzweck zu unterstellen ist schlichtweg unverschämt.

  • Eine auf den Punkt gebrachte Analyse. Warum geht es Afrika so schlecht?
    Für Interessierte empfehle ich Ach Afrika von B. Grill zur Lektüre.
    Im Übrigen gilt: Wer einmal in Afrika war, kehrt immer wieder!

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