Hungerkrise in Nigeria
Sicher vor Boko Haram, doch nicht vor dem Tod

Millionen Menschen sind in Nigeria vor der Terrormiliz Boko Haram geflohen. Doch ihr Überlebenskampf geht auch danach weiter. Nun bedroht sie der Hunger. 450.000 Kinder leiden an lebensbedrohlicher Mangelernährung.
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MaiduguriSachte streichelt Fanna Maibula ihrem Sohn über den Kopf. Der 18 Monate alte Babamadu liegt regungslos auf einer Intensivstation für schwer unterernährte Kinder in der Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias. In seinen spindeldürren Armen stecken mehrere Schläuche, seine Windel scheint riesig im Vergleich zum ausgemergelten Körper. Als die 27-jährige Mutter den Jungen ins Krankenhaus brachte, war er bereits bewusstlos. „Er hatte kaum Überlebenschancen, als er eingeliefert wurde“, erklärt Kinderarzt Dr. Lawan Bukar. Mittlerweile lägen diese aber bei 60 Prozent.

Babamadu hat großes Glück gehabt, einen Platz auf der Zehn-Betten-Station des Universitätsklinikums zu bekommen, die Nothilfe für extrem unterernährte Kinder bietet. In Kürze sollen 30 Betten dazukommen, doch der Bedarf ist tausendmal größer: Babamadu ist eines von 450.000 Kindern in der Region, die an lebensbedrohlicher Mangelernährung leiden, warnt Unicef.

Maibula macht sich große Vorwürfe. Sie hätte ihren Sohn, der wochenlang an Durchfall, Fieber und Erbrechen litt, viel früher zum Arzt bringen sollen, sagt sie in der Lokalsprache Gamergu. Doch ihr fehlte das Geld für einen Arzt. Kostenlose, von Hilfsorganisationen finanzierte, medizinische Betreuung bekommen nur wenige.

Als die Terrormiliz Boko Haram vor vier Jahren Maibulas Dorf Sunabaya im Bezirk Dikwa angriff und niederbrannte, floh die Mutter mit ihren fünf Kindern nach Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno. Dort hausen sie in einem inoffiziellen Lager, zusammen mit Zehntausenden anderen Vertriebenen, die täglich um die mageren Hilfsgüter kämpfen müssen. Die Einwohnerzahl Maiduguris hat sich wegen der Krise Schätzungen zufolge auf zwei Millionen verdoppelt. In der Stadt schlängelt sich laut hupender Verkehr auf staubigen Straßen, Müll stapelt sich in Abwasserkanälen, von den Häusern bröckelt Putz und Farbe.

Die islamistischen Fundamentalisten der Boko Haram verüben seit acht Jahren Angriffe und Anschläge in der Region. Fast zwei Millionen Menschen befinden sich nach Uno-Angaben auf der Flucht. Etwa 8,5 Millionen brauchen Hilfe. Hunderttausende stecken in umkämpften Gebieten fest, zu denen Helfer noch keinen Zugang haben.

Mais, ein wenig Öl und Salz - das seien die einzigen Lebensmittel von denen Flüchtlingsfamilien seit vielen Monaten lebten, sagt Haruna Ibrahim. Er wohnt seit drei Jahren in Bakassi, einem weiteren, überfüllten Lager in Maiduguri. Ab und zu gebe es Reis, aber nie genug. Die mit Holzlatten und Plastikplanen grob zusammengehämmerten Flüchtlingszelte stehen inmitten eines sandigen, kahlen Feldes, ohne Schutz vor der unbarmherzigen Sonne. „Viele Leute sind krank. Wir fühlen uns von der Regierung allein gelassen“, sagt der 61-Jährige.

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