Venezuela

Die Menschen in Venezuela kämpfen um jedes Stück Essen.

(Foto: AFP)

Hungerkrise in Venezuela Chaos in Caracas

Das Venezuela-Drama steuert mit Plünderungen und leeren Regalen einer Eskalation entgegen. Nicolás Maduro könnte dennoch in wenigen Monaten rechtmäßig wiedergewählt werden. Sein wichtigster Wahlhelfer: der Hunger.
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CaracasEin Überblick über die Schlagzeilen der letzten Tage: „Terror in den Straßen – Tote bei Plünderungen“. „Venezolaner essen Hundenahrung“. „Fünf Venezolaner bei Flucht nach Curaçao ertrunken“. „Das Drama der leeren Regale“. „Im Tunnel der Hyperinflation.“ Im ganzen Land – einst das reichste Südamerikas und mit den größten Ölreserven der Welt gesegnet – wird seit Jahresbeginn geplündert wo es nur geht.

Die Inflation steigt, die Preise für Lebensmittel explodieren – genauso wie die Gewalt und die Rechtlosigkeit. Der Hunger treibt die Anarchie sichtbar an. Das Militär muss Eingänge zu Supermärkten sichern, Tränengas wird eingesetzt. Fast täglich gibt es Tote bei Unruhen. Viele erinnert die Lage an die Wirtschaftskrise vor dem „Caracazo“ 1989, als bis zu 3000 Menschen bei Aufständen starben. Im Internet kursiert sogar ein Video, dass ein gutes Dutzend hungriger Männer zeigt, die auf die Weide einer privaten Ranch eindringen, eine Kuh jagen und sie mit Stöcken zu erschlagen versuchen.

Die sozialistische Regierung versucht es mit mehr Erdölförderung und setzt auf steigende Ölpreise. Doch in einem Land, in dem rund 95 Prozent der Exporteinnahmen vom Öl kommen, haben jahrelang fallende Rohstoffpreise die Krise wie ein Brandbeschleuniger verschärft. „Wir sind wieder nah der Förderung von 1,9 Millionen Barrel pro Tag“, sagt Ölminister Manuel Quevedo. „2018 wird das Jahr der Erholung.“ Ziel sei es, die Förderung auf über zwei Millionen Barrel zu steigern.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, die Menschen sind verzweifelt. In den letzten Tagen hat sich die Geldentwertung so beschleunigt, dass der Monatslohn maximal ein paar Euros wert ist. Obwohl Caracas einem Pulverfass gleicht und das Land wegen der Entwertung des Bolivar kaum noch notwendige Importe bezahlen kann, könnte ausgerechnet der Hunger Präsident Nicolás Maduro helfen, seine Wiederwahl zu sichern. Es gibt Hinweise, dass die für Ende 2018 geplante Wahl vorgezogen wird.

Um in den Genuss stark subventionierter Lebensmittelpakete zu kommen (mit Öl, Reis, Thunfisch, Milchpulver und Mehl), die es vielerorts noch immer gibt, muss man nämlich ein „Carnet de la Patria“ beantragen - und erklären, die Regierung zu unterstützen. Über dieses Carnet wurde bei den Regionalwahlen 2017 laut Berichten der Opposition zum Teil kontrolliert, ob man auch wirklich den Sozialisten die Stimme gibt. Der Schriftsteller und Maduro-Kritiker Leonardo Padrón nennt es eine „Erlösung vom Hunger gegen Stimmen“.

Zudem will Maduro mit einer Kryptowährung, dem „Petro“, das Land aus den Fängen der Inflation befreien. Er soll mit Ölreserven abgesichert werden, um damit Einfuhren etwa von Lebensmitteln besser bezahlen zu können. Doch Experten halten das Vorhaben für wenig aussichtsreich - denn was passiert, wenn niemand den „Petro“ akzeptiert? Aber Maduro ist ein politischer Überlebenskünstler, ein Populist, der es wie einst Castro in Kuba verstanden hat, den Kampf David gegen Goliath (USA) zu propagieren. Die Regierung von Donald Trump hat gegen Maduro und Dutzende seiner Gefolgsleute bereits Sanktionen verhängt. Verantwortlich dafür war das Jahr 2017, in dem Maduro sich weder im In- noch im Ausland besonders viele Freunde gemacht hat.

Monatelange Proteste, Straßenschlachten und Tränengas über Caracas. Über 120 Tote, tausende Festnahmen. Oppositionelle flohen oder sitzen im Gefängnis. Einer der Hoffnungsträger und Wortführer der Opposition, der 31 Jahre alte Freddy Guevara, ist gefangen im Asyl in der Botschaft Chiles. Nach einer Wahl, die von der Opposition boykottiert wurde, setzte Maduro eine linientreue Volksversammlung ein, die eine neue Verfassung erarbeiten soll und alle Entscheidungen trifft, darunter die Entmachtung des Parlaments, in dem die Opposition die Mehrheit hatte. Die abgehängten Bilder von Hugo Chávez, Begründer des Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wurden in der Nationalversammlung wieder aufgehängt. Als Symbol, dass die Konterrevolution gesiegt hat.

Ein Jahr später gibt es gibt Hinweise, dass sich Militärs und Sozialisten an dem System der Lebensmittelverteilung bereichern: Pakete werden abgezweigt und für ein Vielfaches auf dem blühenden Schwarzmarkt verkauft. Maduro nennt die humanitäre Krise eine „Erfindung“ und ruft zum Kampf gegen einen ökonomischen Krieg des Auslands auf. Das millionenfach ausgestellte „Carnet de Patria“ ist eine Art „Ich-halte-zu-Maduro-Ausweis“. In der Not steigt der Druck, sich auf dem Papier zu den Sozialisten zu bekennen, während die Gegner vor Supermärkten Schlange stehen, in denen die meisten Regale leer sind.

Maduro zur Hilfe kommt auch die Zerstrittenheit der Opposition - die keinen rechten Draht zum Heer der Armen gefunden hat. Viele kommen aus der Oberschicht, die per WhatsApp überteuerte Essenslieferungen nach Hause bestellt. Ex-Planungsminister Ricardo Hausmann, heute Professor in Harvard, bringt als letzten Ausweg eine militärische Intervention ins Spiel. Das weiterhin tagende, aber machtlose Parlament solle Maduro des Amtes entheben und eine Übergangsregierung benennen - die von den Sozialisten nicht anerkennt würde, fordert er. Deshalb müsste man dann das Ausland um militärische Hilfe bitten. Er fordert einen „Día D para Venezuela“, einen Tag der Intervention. Doch fast alle Experten halten das wegen der Größe und Stärke des Militärs für eine schlechte Idee: Dem Land drohe dann ein Gemetzel.

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  • dpa
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