"Ich bin nicht immun gegen Kritik"
Aus dem Archiv: Interview mit Wim Duisenberg zu Meilensteinen seiner Amtszeit

Die Handelsblatt-Redakteure Hermann-Josef Knipper und Marietta Kurm-Engels sprachen im Septemer 2003 mit dem damals scheidenden EZB-Präsidenten über Höhen und Tiefen seiner Amtszeit und zur Vertrauenswürdigkeit von Stabilitätspakt und Geldpolitik.

Herr Duisenberg, was war die schwierigste Situation in Ihrer Amtszeit?

Duisenberg: Als der Euro seinen Tiefpunkt erreicht hatte. Ich erntete unsagbar viel Kritik, woran ich zwar gewöhnt bin. Trotzdem: Ich bin nicht immun gegen Kritik, auch wenn ich das nicht zeige.

Was war der glücklichste Moment?

Duisenberg: Das ist schwierig. Es gab viele befriedigende Augenblicke. Einer war die Einführung des Euros am 1. Januar 2002. Ich habe sie im Fernsehen verfolgt. Ich hatte Einladungen von zwölf Ländern. Aber eine Zusage hätte elf Absagen bedeutet. Außerdem hätte ich den Glanz geschmälert, der an diesem Tag zu Recht auf die Finanzminister und Notenbankgouverneure der Teilnehmerstaaten fiel. Zufriedenheit habe ich auch empfunden, als der Euro nach seiner Talfahrt wieder stieg, und ganz besonders, als er die Parität zum Dollar überschritt - obwohl das für mich kein Ziel an sich war.

Was ist das Wichtigste, was Sie gelernt haben?

Duisenberg: Extrem vorsichtig zu sein in dem, was ich tue, sage und wie ich es sage. Als ich zur EZB kam, hatte ich 16 Jahre Erfahrung als Zentralbankgouverneur. Wenn ich damals etwas Falsches sagte, krähte kein Hahn danach. In meiner jetzigen Position zählt sogar die Körpersprache. Ich bin mit der Zeit zurückhaltender geworden. Denn wann immer ich mich äußere, hat das Auswirkungen auf die Märkte.

Sind Sie persönlich mit dem zufrieden, was Sie als EZB-Präsident geleistet haben?

Duisenberg: Sehr. Wir haben einen Prozess gestartet, der in der Welt ohne Beispiel war und auch noch nicht abgeschlossen ist: erst für elf und dann für zwölf Länder und über 300 Millionen Europäer eine gemeinsame Währung zu schaffen. Der Euro war in kürzester Zeit vollkommen akzeptiert. Seit Beginn der Währungsunion liegen die Inflationserwartungen zwischen 1,7 und 1,9 Prozent. Das zeigt, dass wir das Vertrauen der Menschen gewonnen haben, dass wir glaubwürdig sind.

Sie sprechen von "wir" ...

Duisenberg: Ich möchte betonen, dass ich das genauso meine. Ohne überheblich klingen zu wollen - nach außen bin ich das Gesicht der Zentralbank, ebenso wie Alan Greenspan das der amerikanischen Notenbank ist. Aber wir wissen beide, dass wir die Entscheidungen nicht allein treffen, sondern ein Team. Ich bin sehr zufrieden, dass es uns gelungen ist, ein Team zu bilden - zunächst aus den Gouverneuren der zwölf nationalen Notenbanken und dem Direktorium, nach und nach aber auch aus der gesamten Belegschaft des Euro-Systems.

Für was wird man Sie in Erinnerung behalten?

Duisenberg: Schwer zu sagen. Ich glaube, man wird sich an mich als den Schöpfer des Euros erinnern. Das ist nicht ganz gerecht, weil daran sehr viele beteiligt waren. Aber so wird es wohl kommen. Außerdem müssen sich die Leute für die nächsten zehn Jahre meine Unterschrift auf den Banknoten ansehen.

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