„Ich hasse Demokratie“
Independence Day in einem Theater in Edinburgh

Sie haben sich alle die Unabhängigkeit Schottlands gewünscht und müssen nun ihre Enttäuschung verarbeiten. Vier Schauspieler zeigen in einem Theater in Edinburgh wie ein Tag in Unabhängigkeit hätte aussehen können.
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Sie kostet den Augenblick so richtig aus: „Bye-Bye“, sagt Julie ganz langsam und gelassen und schickt ein triumphierendes Lächeln hinterher. So weist sie auf immer und ewig alle Avancen des Mannes ab, der sie zuvor nach allen Regeln der Kunst umwirbt. Malcolm geht auf jeden ihrer Wünsche ein, er gibt sich verständnisvoll und devot, bittet und bettelt, damit sie doch seinen Heiratsantrag annehmen möge und die Beziehung dadurch weiter festige – aber eigentlich nur zum Schein, denn der Mann ist homosexuell. Doch von eine Hochzeit will Julie nichts wissen und lässt den Mann einfach abtropfen.

So schön, mit einem Lächeln auf den Lippen, hätte der historische Tag für all die Schotten ausgehen können, die eine Trennung vom Rest Großbritanniens wollten. Doch es ist anders gekommen. Bei dem Referendum am Donnerstag setzen sich diejenigen durch, die fürs Zusammenbleiben votierten. Und so verarbeiten die beiden professionellen Schauspieler Ashley Smith und Matthew Leonhard die Enttäuschung darüber und die Hoffnungen, die viele Schotten in das Ereignis gesetzt hatten, auf ihre Weise.

Sie schlüpfen am Freitag Abend in einem Pub-Theater im Norden von Edinburgh in die Rolle von Julie und Malcolm. Sie spielen die Ereignisse der vergangenen Wochen nach, die sich zwischen Schottland und dem Rest des Königreichs abspielten. Der eine Teil versucht die Beziehung zum anderen mit zahlreichen, hastig vorgebrachten Versprechen zu retten – mit Erfolg. Gut 55 Prozent der Schotten stimmten gegen die Abspaltung.

In insgesamt sechs Episoden zeigen vier Schauspieler am Freitag Abend auf der Bühne, wie ein Independence Day, ein Tag der Unabhängigkeit, hätte aussehen können. Die Drehbücher dazu entstanden vor dem Endergebnis – „als wir alle noch hoffen konnten, dass der Traum sich erfüllt“, bemerkt einer der Zuschauer am Ende eher wehmütig.

Als hätten die Drehbuchschreiber es geahnt, geht es auf der Bühne aber auch um die Probleme, der unangenehmen Wahrheit in die Augen zu schauen. Es geht soweit, dass einer der Hauptdarsteller es herausschreit: „Ich hasse Demokratie.“ Denn gebe es keine Volksabstimmungen, dann müsse man sich mit solchen Enttäuschungen auch nicht abgeben. Und ohnehin solle man ganz normale Menschen, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, mit so komplizierten Dingen wie Politik gar nicht erst belästigen.

Es sind offenbar überwiegend Schotten, die die Scheidung vom Rest Großbritanniens gerne gesehen hätten, die sich hier an diesem Abend treffen – im Theater, ebenso wie im Pub nebenan. Im Theater versuchen die Organisatoren die Enttäuschung der Menschen mit Kunst und selbst gebackenem Kuchen abzumildern. Im Pub nebenan greifen die Menschen zu anderen Mitteln: „Gestern hab ich mich noch zurückgehalten und vor allem Bier getrunken“, räumt Davey Turner ein, der an diesem Abend mit seiner Freundin und seinen Eltern hierhin gekommen ist, „heute Abend wird es aber einen Scotch geben – oder auch zwei.“

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