Illegale Geschäfte
Moskau macht sich hübsch

Kioske an den U-Bahnstationen verschwinden aus Moskaus Stadtbild. Der Bürgermeister der russischen Hauptstadt will damit illegalen Geschäfte bekämpfen. Doch damit werden zahlreiche Menschen erwerbslos.

MoskauEs wirkt wie ein Bombeneinschlag, so intensiv haben die Moskauer Bauarbeiter in kürzester Zeit gewütet. Wo gerade noch bunte Läden und Kioske Essen und allerlei Nützliches anboten, beseitigen Bagger nun massige Trümmerhaufen. Die Stadtverwaltung hat Planierraupen ins Zentrum der russischen Hauptstadt geschickt, um angeblich illegale Geschäfte dem Erdboden gleich zu machen. Buchstäblich über Nacht legen die Behörden damit die Lebensgrundlage Hunderter Menschen in Schutt und Asche.

Die Botschaft ist deutlich: Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin räumt auf. Die Stadt befreie sich von den schändlichen Überbleibseln der 1990er Jahre, sagt das Stadtoberhaupt. Die abgerissenen Konstruktionen seien ohne gültige Genehmigung und mit Hilfe von Bestechung entstanden, behauptet er.

Der Jurist Alexander Kadetow warnt vor einer großen Gefahr für das Eigentum in Russland. „Nun ist niemand mehr davor geschützt, all seinen Besitz in einer Nacht zu verlieren“, sagt er der Zeitung „RBK“. Auch der Rechtsexperte Alexej Petropolski kritisiert einen schweren Verstoß gegen die Verfassung, die das Recht auf Eigentum garantiert. Nun reiche eine simple Verfügung der Behörden, um enteignet zu werden, fürchtet er.

„Wir haben einen richtigen Vertrag“, beteuert die Verkäuferin Katja. Die 49-Jährige steht mit ihrer Schürze hinter dem Tresen einer Bäckerei bei der pompösen Christ-Erlöser-Kathedrale, der wichtigsten Kirche Russlands. Bei der Nacht-und-Nebel-Aktion wurde ein erster Pavillon direkt gegenüber abgerissen. Ihrer wurde verschont, vorerst.

Wir sind nicht illegal“, prangt auf einem Zettel in jedem Fenster der Bäckerei und auch der benachbarten Kioske. Das eilig aufgehängte Papier ist ein Symbol eines verzweifelten Kampfes ums Überleben. „Auch unser Laden soll abgerissen werden“, sagt Katja. Zwei oder drei Monate Aufschub hätten sie noch bekommen. „Dann sind wir arbeitslos.“

Buden und Kioske betrachtet Sobjanin schon lange als Schandflecken, unwürdig der stolzen russischen Metropole. Bereits kurz nach seiner Wahl 2010 hatte der Bürgermeister eine umfassende Schönheitskur für Moskau angekündigt. Seitdem baut die Stadt Radwege, hübscht Parks auf - gerne auch mit dem Geld spendabler Oligarchen - und hat bereits zahlreiche Läden in Unterführungen und Metroschächten weggefegt.

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„Wen hat das gestört?“

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