Im Gespräch: Alexander Lebedew
„Politik des Kremls vertieft Russlands Krise“

Großunternehmer Alexander Lebedew hält wenig vom Krisenmanagement der russischen Regierung. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Wirtschaft in seinem Land, die Fehler der Regierung und die deutschen Probleme.

Handelsblatt: Herr Lebedew, Sie sagen lapidar, die Finanzkrise sei nicht so schlimm. Gingen die Börsen in den Keller, kauften die russischen Oligarchen halt mal eine Yacht weniger. Wie viel haben Sie bisher verloren?

Erstens haben nur 800 000 Russen Aktien, weniger als ein Prozent meiner Landsleute sind an den Börsen engagiert. Sogar wenn die Aktienkurse auf Null abrutschen, wäre das für Russland kein Untergang. Ich selbst habe bisher 600 bis 700 Mio. Dollar verloren, aber nur auf dem Papier.

Das klingt noch sehr entspannt.

Ja, weil ich die meisten Aktien, meine Anteile am Strommonopolisten UES, am Gasriesen Gazprom und der staatlichen Sberbank schon früher verkauft hatte, und als Kapital für meine Expansion in die Realwirtschaft investiert habe.

Aber warum schlägt die Finanzkrise in Russland noch härter zu als in fast allen anderen Ländern?

Etwa 30 Prozent des Kursverfalls hat sich Russland selbst zuzuschreiben. Denn unsere Aktienkurse sind um rund ein Drittel stärker abgeschmiert als die Papiere anderer BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), weil die Regierung mit ihrem Gerede und Handeln Investoren vertreibt. So hatte Premier Wladimir Putin den Stahlkonzern Mechel direkt angegriffen und damit Angst ausgelöst. In Russland herrschte so noch früher als in anderen Ländern eine Vertrauenskrise. Die Chance, die gewaltigen Öl- und Gas-Einnahmen zu radikalen Reformen in der Wirtschaft zu nutzen, wurde kläglich vergeben.

Macht denn wenigstens jetzt ihre Regierung alles richtig, um der Krise Herr zu werden?

Nein. Was soll das, den Staatsbanken Sberbank und VTB Milliarden zu geben? Die hocken auf dem Geld und geben es nicht weiter.

Dafür will Putin jetzt Geheimdienst-Aufpasser in die Banken schicken, die die Geldströme überwachen sollen ...

Was soll dieser Unfug? Die verstehen doch nun gar nichts von Wirtschaft.

Sie waren immerhin selbst früher Offizier beim KGB, wie Putin Auslandsspion, und heute sind Sie ein erfolgreicher Unternehmer ...

... der seinen ökonomischen Verstand allerdings eben nicht bei den Tschekisten gelernt hat.

Was sollten Putin und Präsident Medwedjew denn jetzt tun?

Statt das Geld wieder einmal den Oligarchen als Stabilisierungs-Hilfen zu geben, sollten die Oligarchen, wenn sie zahlungsunfähig sind, Firmenanteile an den Staat abgeben.

Ausgerechnet der Staat in der früheren Sowjetunion als Heilsbringer?

Der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft in Russland ist schon jetzt ein Horror. Da kommt es auch nicht mehr darauf an, ob er noch Anteile am Bergbauriesen Norilsk Nickel bekommt oder bei den Mobilfunkern MTS oder Vimpelcom. Der Staat sollte diese Pakete nehmen und in einigen Jahren dann verkaufen und so eine echte Privatisierung in Russland lostreten. Ich wähle zwischen zwei Übeln: Der Staat ist immer noch besser, als die Filetstücke Russlands den Oligarchen zu lassen.

Was raten Sie als Unternehmer Ihren Herrschenden noch?

Die Regierung sollte nun in großem Umfang Konsumenten- und Hypothekenkredite ausreichen und billiger machen. Das fördert den Mittelstand und die Banken bekämen endlich wieder Liquidität. Und Putin sollte endlich erfahrene Wirtschaftsexperten zurückholen in die Regierung statt nur alte Bekannte und Freunde mit Ministerposten zu versehen.

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