Im Gespräch: Fred B. Irwin
„Die Krise wird Amerika stärker machen“

Trotz der aktuellen Krise werden die USA auf lange Sicht weiter die Nummer eins auf den Finanzmärkten bleiben. Davon ist Fred Irwin, Chef der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, überzeugt. Im Gespräch mit dem Handelsblatt warnt er die Europäer vor großen Erwartungen an den kommenden Weltfinanzgipfel.

Herr Irwin, gehören Sie in der Finanzkrise zu den Optimisten oder Pessimisten?

Ich bin optimistisch, dass die Wirtschaft nach dieser Krise stärker sein wird als vorher. Ich bin pessimistisch, was die Dauer der Krise betrifft. Ich rede aber nicht von einer Finanz-, sondern einer Kredit- und Vertrauenskrise. Das Hauptproblem ist doch, dass sich die Banken untereinander kein Geld mehr leihen. Sie haben zwar Milliarden von der US-Regierung erhalten, aber die Kreditvergabe funktioniert weiter schleppend.

Haben die Probleme nicht längst andere Sektoren erreicht? Auch Autokonzerne leiden bereits.

Auch dafür sind fehlende Kredite verantwortlich - diesmal auf der Konsumentenseite. Jeder Autokonzern hat mittlerweile eine Bank, die Kredite an Käufer gibt. Im Endeffekt geht es bei fast jedem Problem um Kredite.

Das klingt sehr amerikanisch. Nur dort wird der private Konsum derart auf Kredit finanziert.

Das stimmt größtenteils. Glücklicherweise ist die Sparquote in Deutschland bei zehn Prozent, während sie in den USA leider nur knapp über null liegt. Der durchschnittliche Amerikaner hat zwei Hypotheken. Meine 94-jährige Mutter hat 15 Kreditkarten. Dennoch muss der Konsum in den USA wieder steigen, er belebt die Wirtschaft.

Ist das nicht Amerikas Grundproblem? Es müsste gleichzeitig der Konsum anspringen und die Sparquote erhöht werden.

Wenn jemand in den USA heute Arbeit hat, wird er das Geld in einer unsicheren Zeit sicher nicht ausgeben. Das spürt man auf dem Häusermarkt und bei den Autoverkäufen.

Also müssen sich die USA auf eine längere Krise einstellen?

Eindeutig. Meines Erachtens lassen sich die Probleme in den USA nicht vor 2010 lösen. 2009 schreibe ich ab. Die USA durchleben die schwerste ökonomische Krise, seit ich lebe - und ich bin 66 Jahre alt.

Was bedeutet dies für den kommenden Präsidenten Obama?

Obama steht vor einer ungeheueren Herausforderung. Sie ist vergleichbar mit der von Franklin D. Roosevelt bei seiner Wahl im November 1932. Deshalb sollte er sich auch unbedingt dessen Einführungsrede als neuer Präsident durchlesen. Sie ist knapp, aber sehr eindrucksvoll. Damals war die Stimmung ähnlich wie heute: Unsicherheit, Unzufriedenheit und Angst um Arbeitsplätze.

Sind solche historischen Vergleiche nicht gewagt?

Nein, sie sind sogar wichtig. Denn so wie ich Obamas Aufgabe mit der von Roosevelt vergleiche, sehe ich auch Parallelen zwischen dessen Vorgänger Herbert Clark Hoover und George W. Bush. Beide kamen mit einer hervorragenden wirtschaftlichen Situation ins Amt. Beide Amtszeiten endeten mit einer dramatischen Wirtschaftskrise. Außerdem dient die Hoover-Zeit als Mahnung - für Obama und die Demokraten, die künftig den Kongress beherrschen. Denn als der Crash 1929 kam, ergriff der US-Kongress sofort Maßnahmen, um amerikanische Waren zu schützen. Die Zölle wurden erhöht, es gab eine Bewegung, nur noch amerikanische Produkte zu kaufen. Doch mit jeder Maßnahme, die eine Schutzmauer um die USA bauen sollte, wurde das Problem größer.

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