Im Gespräch mit dem Künstler Ai Weiwei
„China kann nicht mehr zurück“

Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist einer der schärfsten Kritiker der Olympischen Spiele in Peking. Im Handelsblatt-Interview spricht er über „das Vogelnest“ und seine Symbolik, über Propaganda und Meinungsfreiheit sowie über die Probleme Chinas mit Umwelt, Korruption, Bürgerrechten und Bildung.

Das zentrale Olympiastadion in Peking, das „Vogelnest“, wird bereits als Wunderwerk gefeiert. Sie haben an dem einzigartigen Design mitgearbeitet. Freut Sie die Resonanz?

Ja, das ist wunderbar. Da wir das Stadion für die Stadt und für die Menschen entworfen haben, wird es so gut angenommen. Dabei wurde es zunächst heftig kritisiert, aber der Ton hat sich völlig verändert. Es ist zum Symbol für den Fortschritt geworden. Das ist prima.

Werden Symbole in China nicht schnell politisiert?

Ja, und ich mag die Idee überhaupt nicht, dass das Nationalstadion zu Propagandazwecken missbraucht wird. Wir wissen alle, dass China noch immer sehr große Probleme hat. Viele kritische Fragen müssen gelöst werden. Wenn man nun die Olympischen Spiele benutzt, um eine Art friedliche Luxuswelt vorzugaukeln, dann entspricht das schlichtweg nicht der Wahrheit. Denn zur selben Zeit haben wir in China große Probleme, ja sogar Krisen.

Missbraucht Peking das „Vogelnest“, um das China-Bild zu schönen?

Nicht nur das. Die Olympischen Spiele sollten einen Staat eigentlich dazu bewegen, sich wirklich mehr um die wahren Bedingungen im Land zu kümmern. Er sollte mit seiner Propaganda aber nicht schöne Illusionen verbreiten. Darum kritisiere ich den Umgang mit dem Nationalstadion.

Wenn Sie das gewusst hätten, hätten Sie auch dann mitgearbeitet?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich habe nie mit den Behörden gesprochen, bin nicht von der chinesischen Regierung engagiert worden.

Also überwiegt die Freude über das Design?

Das Stadion ist einfach wunderschön, alle lieben das Ergebnis. Ich bin sehr glücklich, mit dem Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron daran gearbeitet zu haben. Das war eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit, eine echte Freude. Keine Frage, wir sind darauf stolz.

Werden Sie das Stadion betreten?

Nein, ich habe kein Interesse an dieser Art von Menschenansammlungen. Und ich habe kein Interesse an Sport. Ich war noch nie in meinem Leben in einem Stadion.

Es geht nicht nur um das Stadion. Sie werfen der chinesischen Regierung insgesamt vor, ein „gefälschtes China-Bild“ zu verkaufen. Warum?

China steht vor gewaltigen Problemen – beim politischen System, in Sachen Umwelt, Korruption, Bürgerrechte, Bildung. Fast jeder gesellschaftliche Bereich ist von Krisen und Problemen befallen. Das hat echten Einfluss auf das Leben der Chinesen. Ich will einfach die Menschen daran erinnern, dass sie das nicht übersehen.

Im Ausland gibt es dennoch große Hoffnungen, dass sich China mit den Sommerspielen weiter öffnet. Sehen Sie keinen positiven Olympia-Einfluss?

Natürlich sind die Olympischen Spiele sehr wichtig für unser Land, um noch offener zu werden und um westliche Werte besser kennenzulernen. Damit kann China auch ein besseres Niveau der Kommunikation erreichen, also mehr Transparenz. Aber was ist das wirkliche Ergebnis? Darüber müssen sich die Menschen Gedanken machen, und diese Frage müssen sie sich immer wieder stellen, nicht einfach nur jubeln.

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