Im Gespräch mit: Gertrude Tumpel-Gugerell
„Zinssenkungen sind jetzt besonders wichtig“

Die Kreditvergabe zwischen den Banken stockt, weil sie sich gegenseitig nicht mehr vertrauen. Darunter leidet letztendlich auch die Gesamtwirtschaft. Doch wie bringt man das Vertrauen in den Markt zurück? Gertrude Tumpel-Gugerell, seit 2003 Mitglied des EZB-Direktoriums, spricht im Handelsblatt-Interview über die Probleme im Interbankenhandel und erklärt, warum Zinssenkungen gerade jetzt besonders wichtig sind.

Frau Tumpel-Gugerell, seit Monaten stockt der Handel zwischen den Banken mit Krediten. Pendelt sich das wieder ein, oder muss man nach Auswegen suchen?

Es ist zu früh zu sagen, wann sich der Interbankenhandel wieder normalisieren wird. Die Banken sehen untereinander nach wie vor das Gegenparteienrisiko, besonders im Markt für ungesicherte Geldgeschäfte. Es ist aber sehr wichtig, dass sie den Handel untereinander wieder aufnehmen. Wir brauchen den Interbankenhandel. Es wird deshalb darüber nachgedacht, wie man Vertrauen in diesen Markt zurückbringen kann und damit den Euribor, also den Zinssatz, den sich Banken untereinander für Kredite berechnen, reduzieren könnte. An den Euribor sind viele Kreditverträge gebunden.

Ist das nicht Sache der Banken?

Nicht nur. Derzeit ist der Risikoaufschlag im Interbankenverkehr so hoch, dass Zinssenkungen, die wir vornehmen, womöglich nicht bis zum Endkreditnehmer gelangen. Dadurch können hohe gesamtwirtschaftliche Kosten entstehen. Das ist ein ernstes Problem. Deshalb muss man darüber nachdenken, wie man das Risiko im Interbankenhandel mit geeigneten Absicherungsmaßnahmen reduzieren kann.Die Menge alleine reicht offenbar nicht, weil wir Liquidität nur gegen Sicherheiten zur Verfügung stellen. Die Frage ist: Was kann man am Markt für unbesicherte Bankforderungen tun?

Gibt es Vorschläge?

Es gibt Überlegungen in verschiedenen Ländern. In Österreich zum Beispiel hat man das Interbankenrisiko versichert. So wie man einen Exportkredit versichern kann, kann man auch einen Interbankenkredit versichern. Die Frage ist dann, wer trägt das Risiko.

In Deutschland wird über eine Clearingstelle für Interbankenkredite diskutiert.

Das ist eine der Ideen, das Interbankenrisiko zu reduzieren. Wir werden im EZB-Rat darüber beraten, sobald der Vorschlag auf dem Tisch liegt und uns dann dazu äußern. Für uns ist es wichtig, dass solche Lösungen allen Euro-Ländern zur Verfügung stehen und wir keine Renationalisierung der Finanzmärkte haben.

Sie lehnen also eine Clearingstelle nur für Deutschland ab?

Lokale Lösungen würden zu einer Segmentierung im Geldmarkt führen und sollten daher nicht angestrebt werden. Der gemeinsame Geldmarkt des Euro-Raums muss erhalten bleiben. Das ist ganz wichtig. Das war auch der Hintergrund für die Vereinheitlichung der Stützungspakete für die Banken auf EU-Ebene. Das Gleiche gilt hier: keine nationale Abschottung, sondern europaweit konsistente Lösungen. Zahlreiche große Finanzinstitute sind auf vielen Märkten tätig. Da sollte man neue nationale Differenzierungen vermeiden. Dies ist auch wichtig, um die einheitliche Implementierung unserer gemeinsamen Geldpolitik im Euroraum zu gewährleisten.

Die Wachstumsprognosen des Eurosystems lagen im Sommer schwer daneben. Woraus leiten Sie jetzt die Hoffnung ab, dass die Wirtschaft ab Mitte 2009 wieder besser läuft?

Die Prognosen werden unter bestimmten Annahmen erstellt. Wenn diese nicht eintreffen, verändert sich das Prognoseergebnis. Eine wichtige Annahme ist die Wiederbelebung des Welthandels im Jahr 2010. Es ist aber zu bedenken, dass es bei den Annahmen Unsicherheiten gibt. Wir haben derzeit die schärfste Verschlechterung im Konjunkturbild, die wir in den letzten dreißig Jahren erlebt haben. Wir müssen in alternativen Szenarien denken.

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