Im Grenzort Wagah halten Pakistanis und Inder noch immer Distanz
Operette mit Säbelrasseln

Als der drahtige Alte mit der grün-weißen Fahne die Triumphallee entlanghüpft, braust schon mächtiger Beifall auf. Als er dann noch „Pa-kis-tan“ ruft, dröhnt es regelrecht von den Rängen zurück. „Zin-da-bad“ (lang soll es leben), antworten ihm die 2 000 Zuschauer, und man merkt dem Klang ihrer Stimmen an, dass sie heute gerne Patrioten sind.

WAGAH. Schon vor allem deshalb, weil sie ein paar Meter weiter seltene Zuhörer haben: Inder, die sich jenseits der Grenze aus gleichem Anlass versammelt haben, zum täglichen Einholen der Flaggen um 18 Uhr.

Pakistaner und Inder können sich durch die Gitter der beiden Grenztore gut sehen, sie können sich hören, wenn sie laut genug sind. Aber sie können nicht miteinander sprechen. Obwohl sie hier in Wagah, rund 40 Autominuten von der pakistanischen Stadt Lahore entfernt, so eng beisammen sitzen. Denn nur die allerwenigsten dürfen die Grenze passieren.

Mag sich der Konflikt zwischen den jahrzehntelang verfeindeten Rivalen auch entspannt haben in den vergangenen Monaten, hier an der Grenze zeigt sich, wie schwer es die Entspannungspolitik im Alltag hat. Auch Jawaid hat keine Chance, über die Grenze zu kommen. Er ist mit Brüdern und Familie aus Gujrat die rund 120 Kilometer hierher gefahren, zu einem Wochenendausflug. „Warum soll ich hinüber nach Indien?“ fragt er. „Dort sieht es doch nicht anders aus als hier.“ Was er verschweigt: Jawaid würde wohl selbst dann kein Visum für Indien bekommen, wenn er wollte. Visa gibt es nur für Diplomaten, besondere Geschäftsleute und jene, die eine – anerkannte – indische Einladung vorweisen können.

Dafür machen beide Seiten auf Chauvinismus. Pakistaner wie Inder haben für das Flaggenspektakel Tribünen errichtet, die den besten Blick auf die martialische Parade ermöglichen. Die Soldaten legen Operetten-Uniformen an, müssen mindestens „six feet tall“ (sechs Fuß groß) sein und jeweils eine Besonderheit beherrschen. Wenn sich die Paradierenden einzeln dem Flaggenmast nähern, schreitet der eine doppelt so weit aus, wie das Menschen üblicherweise tun können, wirft ein anderer sein Bein so hoch, dass die Fußspitze beinahe seine Stirn berührt, und tremoliert die Stimme eines anderen so, dass ihm danach kräftiger Applaus sicher ist.

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