Wer in Tokio lebt und arbeitet, lernt die Vorzüge von Höflichkeit und Etikette kennen – und ihre Grenzen. Denn auch im zurückhaltenden Japan wirkt eine Kneipentour Wunder für die Geschäftsbeziehungen. Ein Erfahrungsbericht des Handelsblatt-Korrespondenten Finn Mayer-Kuckuk.
TOKIO. Es ist stets wohltuend, wenn Japan auch den Japanern ein wenig befremdlich vorkommt. Wie dem kleinen Mädchen mit den zwei braven Zöpfen, das weinend und schreiend im Erlebnisrestaurant steht. Die Eltern möchten gehen. Das Kind aber traut sich nicht über die hölzerne Brücke, die zum Ausgang führt. Denn unter der Brücke liegt das künstliche Gewässer, aus dem die Gäste ihre Fische zum Abendessen selbst angeln.
Die Reaktion des Mädchens ist durchaus nachvollziehbar: Ihr wird wahrscheinlich gerade bewusst, das sie ein Lebewesen gegessen hat, das eben noch munter herumschwamm. Sie kann sich jetzt vielleicht auch erklären, warum die Fische auf dem Teller noch zucken, nachdem der Sushi-Meister sie lebend filetiert und die Filets zu Sashimi zerschnitten hat. Vielleicht hat sie in der Wasserlandschaft auch einen der wenigen Fische gesehen, deren Augen weißlich entzündet sind – ich lasse meinen Fang im Restaurant daher vorsichtshalber grillen. Der Bekannte, mit dem ich hier bin, hat sich für das Sashimi, die rohe Variante, entschieden.
Das Mädchen weint immer noch, aber Shiroto-san und ich freuen uns über die weiß glitzernden Fischscheiben an der kunstvoll halb aufrecht drapierten Flunder. Sie klappt noch den Mund auf und zu.
Seit einem halben Jahr bin ich als Korrespondent in Japan. Langsam wird es Zeit, meine frischen Eindrücke aufzuschreiben. Denn spätestens nach einem Jahr wird mir selbstverständlich vorkommen, was vorher noch exotisch wirkte.
So gesehen bin ich ohnehin schon ein wenig verdorben. Ich habe Japanologie studiert. Und Shiroto-san, den ich seit Studientagen kenne, sagt manchmal, ich soll mich nicht japanischer anstellen als die Japaner – wenn ich zum Beispiel statt des gängigen Begriffs „E-Mail“ das japanische Wort benutze. Übersetzt heißt das „Elektroteilchennachricht“.
Doch auch wenn ich mich in Japan ein wenig auskenne, vieles ist völlig neu für mich. Als Student hatte ich es mit anderen Menschen zu tun als jetzt als Korrespondent und mit anderen Regeln. Studenten sind in Japan wörtlich übersetzt „Lernlinge“. Sie sprechen eine andere Sprache als später die Erwachsenen. Sie haben mehr Freiheiten – zum Beispiel bei der Wahl ihrer Kleidung. Man verzeiht ihnen eher einen Verstoß gegen die Etikette.
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Wer nach seinen vier Jahren Studium nahtlos in seine Firma eintritt, wird ein „Gesellschaftsmensch“. Für den gibt es deutlich mehr Fallstricke und Fettnäpfchen. Shiroto-san hat mir ein Buch gegeben: ein Handbuch des Sprachgebrauchs in der Firma – für junge Japaner vor dem Berufseinstieg. Es enthält den richtigen Gebrauch der Höflichkeitssprache gegenüber Chefs, Gleichgestellten und Kunden in übersichtlichen Tabellen und Beispieldialogen.
Jetzt habe ich es also mit dieser Welt der Profis zu tun, und die hat ihre eigenen Spielregeln. Ich meine nicht nur die kleinen Rituale wie die korrekte Übergabe der Visitenkarte mit den Worten „Ich möchte Sie darum bitten, mir künftig wohlgesinnt zu sein.“ Für den Reporter spielen vor allem die Unterschiede im Umgang der Behörden und Unternehmen mit der Presse eine Rolle. Der Journalist tritt in Japan viel stärker als Bittsteller auf. Auf Pressekonferenzen leiten einheimische Kollegen eine Frage oft mit den Worten ein: „Das klingt jetzt unter Umständen ein wenig kritisch, bitte entschuldigen Sie vielmals, aber was ich gern noch einmal hören möchte, wäre …“
Ein Großunternehmen bestellte mich im Laufe einer Recherche zweimal in seine Pressestelle ein, wo mir die Mitarbeiter detaillierte Analysen meiner Anfragen vorlegten, Übersetzungen von Handelsblatt-Artikeln ins Japanische zur Hand hatten und mich darauf aufmerksam machten, wenn sich der Schwerpunkt meiner Recherche auch nur ein wenig verschob.
Eisbrecher für ein etwas unkomplizierteres, herzlicheres Verhältnis ist wie so oft ein Besuch in der Kneipe. Die „Sake-Läden“ oder Izakayas sind nach verbreiteter Meinung enorm wichtig für das japanische Wirtschaftsleben. Es gibt sie in Varianten von altertümlich bis kühl-modern, doch meistens überwiegt warmes Holz. Am Anfang trinken die Gäste eher Bier, später Reiswein, dann Reisbranntwein. Es gibt Izakayas im westlichen Stil mit Tischen und Stühlen, doch häufig müssen die Gäste die Schuhe ausziehen und hocken auf Reisstroh-Matten um niedrige Tische. Ein Kneipengang mit Geschäftsleuten dauert nicht so lange – in der Regel nicht mehr als zwei Stunden. Wer will, kann dann nach Hause gehen. Wer Lust hat, zieht weiter in den nächsten „Sake-Laden“.
Shiroto-san macht an einem Abend gern auch noch eine dritte oder vierte Runde. Er arbeitet in der IT-Industrie im Vertrieb und hat Kontakte zu den Kunden des Unternehmens. Solche Beziehungen wollen mit reichlich Alkohol begossen sein.
Eine Geschäftsbeziehung anzubahnen bedeutet, viel Geduld aufzubringen, erzählt er. Die Kunden erwarten maximale Sorgfalt bei den Antworten auf ihre Fragen, beim Umgang mit ihren Sorgen. Ein Manager sollte sich bei einem Problem seines Kunden nie auf den Standpunkt stellen: Lieber Kunde, ich bin hier nur angestellt, und wenn du beispielsweise die Anleitung beachtet hättest, die ich dir mitgegeben habe, wäre das Problem nie aufgetaucht.
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Wenn ein Konzern ein Produkt verkauft, durch das später jemand zu Schaden kommt, muss sich dieses Unternehmen allerlei Ritualen unterwerfen, um das wieder auszumerzen. In den USA gibt es Produkthaftungsklagen. Japans Gegenstück dazu ist die gesellschaftliche Ächtung – etwa von Herstellern verseuchter Sahnetörtchen oder Produzenten von Gasheizgeräten, die Gifte absondern. Die beiden Skandale dominierten in den vergangenen Monaten das Nachrichtengeschehen. Immer wieder zeigten TV-Sender Bilder der Sahnetörtchen-Chefs und Gasgeräte-Patriarchen, wie sie sich unter Tränen verbeugten und das Publikum um Verzeihung baten: „Sumimasen.“
Das Leben in Japan fühlt sich nicht zuletzt durch das Bemühen der Unternehmen, solche unangenehmen Situationen nach Kräften zu vermeiden, an, als sei es rundum mit Luftpolsterfolie gefüttert. Die Waren sind durchgetestet, an manchen Treppen steht ein Lautsprecher, der vor der Möglichkeit warnt, hinzufallen. Die Japaner selbst wirken durch all die Bemutterung manchmal etwas unselbstständig. Auf dem Weg vom Fischrestaurant zur U-Bahn kommen Shiroto-san und ich an einer Baustellenausfahrt vorbei. Die Stelle ist wie üblich von fünf uniformierten Aufpassern gesichert, die eine Riesenschau daraus machen, wenn ein kleiner Lastwagen rausfährt. Meistens geht das Spektakel los, indem vier der fünf Wachleute den Bürgersteig absperren, zwei auf jeder Seite der Baustellenausfahrt. Absperren bedeutet, dass sie zuerst die zwei Fußgänger in Sichtweite zum Stehenbleiben auffordern und sich ihnen schließlich breitbeinig in den Weg stellen. Der fünfte Mann winkt mit einem Leuchtstab den Lastwagen auf die Straße. Eine Computerstimme an dem Transporter wiederholt derweil pausenlos: „Ich fahre rückwärts. Ich fahre rückwärts. Ich fahre rückwärts.“ Dann gibt die Truppe den Bürgersteig mit großer Geste, Verbeugungen, Entschuldigungen und Danksagungen wieder frei.
Menschen in leuchtenden und blinkenden Uniformen bewachen Gefahrenstellen 24 Stunden am Tag. Können Japaner nicht selbst stehen bleiben, wenn ein Lastwagen vorbeimuss? Muss man ihnen das sagen? Ich frage Shiroto-san. „Die Baufirma verursacht Unannehmlichkeiten, dann ist sie auch dafür verantwortlich, sie für die Passanten abzumildern.“
Möglichst niemandem Unannehmlichkeiten bereiten – das impfen Japaner schon ihren Kindern ein. Und da Shiroto-san mit den Verhältnissen in Amerika und Europa vertraut ist, ergänzt er noch: „Außerdem schafft es Arbeit, wenn so viele Leute aufpassen.“ Ich frage mich, warum das Erlebnisrestaurant dann nicht die möglicherweise geschäftsschädigenden Fische mit den entzündeten Augen aus dem Aquarium entfernt.
Trotz der überall sichtbaren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ist Japan nicht mehr das quasi-sozialistische Land, das es bis in die 90er-Jahre war. Die Schere zwischen Arm und Reich wird auch hier größer – die führende Oppositionspartei macht dafür die Reformen der Regierung verantwortlich, die sozialistische Partei gibt der Globalisierung die Schuld. Die Regierungspartei verspricht Abhilfe.
Doch um den gewaltigen Bahnhof des Stadtteils Shinjuku tauchen nach Betriebsschluss derweil immer mehr der Pappkartons auf, in denen Obdachlose schlafen. Zwischenzeitlich waren sie verboten, und die Polizei hat abends aufgeräumt, aber inzwischen duldet sie diese Art der Schlafplätze wieder.
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Irgendwann fasse ich mir ein Herz und frage einen mittelalten, zwar versoffenen, aber eigentlich fit aussehenden Typen, ob es keine anderen Unterkünfte für ihn gibt. Er ist erst irritiert. Die Frage, auch noch von einem Ausländer gestellt, ist ihm peinlich. Er fühlt sich vermutlich wie der Rest des Landes für Japans Außenbild mitverantwortlich. Doch dann sagt der Obdachlose, wie er es sieht: „Es läuft gerade nicht so gut für mich, aber ich will auch keinem zur Last fallen.“ Dann zieht er sich in seine Pappkarton-Höhle zurück.
Shiroto-san und ich verpassen an diesem Samstagabend noch die letzte U-Bahn – was am Wochenende leicht passiert, denn schon kurz nach Mitternacht fährt nichts mehr. Die Taxigesellschaften verlangen dann einen Aufschlag von gut 30 Prozent zum regulären Preis. Wir müssen in unterschiedliche Richtungen, und als Shiroto-san winkt, hält sofort ein Wagen. An mir fahren einige leere Taxis vorbei. Ich unterstelle, dass die Fahrer angesichts eines Ausländers Sprachprobleme befürchten. Die Japaner tun sich im Umgang mit den wenigen Fremden in ihrem Inselreich manchmal schwer. Aber ich nehme es ihnen nicht übel.
Es gibt unter den Ausländern hier in Tokio die ewige Diskussion darüber, ob man in Japan als Nicht-Japaner diskriminiert wird. Ein Klassiker sind die Geschichten von den heißen Bädern, an deren Tür ein Schild prangt: „No foreigners“. Ich selbst habe das noch nie gesehen. Einige Ausländer sehen in solchen Schildern aber einen Beleg für die Benachteiligung von Nicht-Japanern. Andere akzeptieren, dass die Japaner dort unter sich bleiben wollen.
Auch ein Wort wie „Minzoku“ im normalen Sprachgebrauch irritiert manchmal: Das Wörterbuch übersetzt es mit „Rasse“. Die Japaner glauben daran, dass sie ein ganz eigener Menschenschlag sind. Berichte von Auslandskorrespondenten und Filme wie „Lost in Translation“ verstärken den Eindruck: Wer nach Japan kommt, der kriegt erst einmal einen Kulturschock. Daher bittet mich Shiroto-san: „Schreib doch auch mal, was hier nicht so exotisch ist.“
Kein Problem. Neben Bier, Baumkuchen und Windbeuteln fallen mir als erstes panierte Schnitzel mit Kraut ein, für die gibt es sogar Spezialrestaurants. Dazu werden allerdings keine Pommes serviert, sondern Reis und Sojapastensuppe.

