Irgendwann fasse ich mir ein Herz und frage einen mittelalten, zwar versoffenen, aber eigentlich fit aussehenden Typen, ob es keine anderen Unterkünfte für ihn gibt. Er ist erst irritiert. Die Frage, auch noch von einem Ausländer gestellt, ist ihm peinlich. Er fühlt sich vermutlich wie der Rest des Landes für Japans Außenbild mitverantwortlich. Doch dann sagt der Obdachlose, wie er es sieht: „Es läuft gerade nicht so gut für mich, aber ich will auch keinem zur Last fallen.“ Dann zieht er sich in seine Pappkarton-Höhle zurück.
Shiroto-san und ich verpassen an diesem Samstagabend noch die letzte U-Bahn – was am Wochenende leicht passiert, denn schon kurz nach Mitternacht fährt nichts mehr. Die Taxigesellschaften verlangen dann einen Aufschlag von gut 30 Prozent zum regulären Preis. Wir müssen in unterschiedliche Richtungen, und als Shiroto-san winkt, hält sofort ein Wagen. An mir fahren einige leere Taxis vorbei. Ich unterstelle, dass die Fahrer angesichts eines Ausländers Sprachprobleme befürchten. Die Japaner tun sich im Umgang mit den wenigen Fremden in ihrem Inselreich manchmal schwer. Aber ich nehme es ihnen nicht übel.
Es gibt unter den Ausländern hier in Tokio die ewige Diskussion darüber, ob man in Japan als Nicht-Japaner diskriminiert wird. Ein Klassiker sind die Geschichten von den heißen Bädern, an deren Tür ein Schild prangt: „No foreigners“. Ich selbst habe das noch nie gesehen. Einige Ausländer sehen in solchen Schildern aber einen Beleg für die Benachteiligung von Nicht-Japanern. Andere akzeptieren, dass die Japaner dort unter sich bleiben wollen.
Auch ein Wort wie „Minzoku“ im normalen Sprachgebrauch irritiert manchmal: Das Wörterbuch übersetzt es mit „Rasse“. Die Japaner glauben daran, dass sie ein ganz eigener Menschenschlag sind. Berichte von Auslandskorrespondenten und Filme wie „Lost in Translation“ verstärken den Eindruck: Wer nach Japan kommt, der kriegt erst einmal einen Kulturschock. Daher bittet mich Shiroto-san: „Schreib doch auch mal, was hier nicht so exotisch ist.“
Kein Problem. Neben Bier, Baumkuchen und Windbeuteln fallen mir als erstes panierte Schnitzel mit Kraut ein, für die gibt es sogar Spezialrestaurants. Dazu werden allerdings keine Pommes serviert, sondern Reis und Sojapastensuppe.


