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Ahmet Davutoglu: Mittler zwischen zwei Welten

Er agiert meist hinter den Kulissen, dafür aber um so effektiver: Ahmet Davutoglu, außenpolitischer Chefberater des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, ist der nüchterne Gegenpol zum aufbrausenden Vollblutpolitiker Erdogan. Unter ihrer politischen Führung sucht die Türkei enge Beziehungen zum Westen – und zu seinen islamischen Nachbarn.

HB. Bei der Vorbereitung des Besuchs von Präsident Obama, der seit gestern in Ankara ist, spielte Davutoglu eine Schlüsselrolle. Schon im Vorfeld warb er in den USA für eine „neue goldene Ära“ in den Beziehungen beider Länder: Die Türkei und die USA hätten „nahezu identische Ansichten in allen wichtigen Fragen“, unterstrich Davutoglu erst kürzlich. Der 1959 im zentralanatolischen Konya geborene Davutoglu besuchte eine deutsche Auslandsschule, um dann an der Bosporus-Universität Ökonomie und Politische Wissenschaften zu studieren. Schon als Akademiker widmete er sich dem Spannungsverhältnis zwischen Orient und Okzident. Dass sein Land gleichzeitig engere Beziehungen zum Westen und zu ihren islamischen Nachbarn sucht, ist für Davutoglu kein Widerspruch: die Türkei könne „in Europa europäisch sein und im Orient orientalisch“, sagt er, „denn sie ist beides“.

Eine schwierige Doppelrolle, wie sich beim Nato-Gipfel zeigte. Davutoglu zieht die Fäden bei der Normalisierung der Beziehungen zu Armenien, er ist Architekt der Vermittlungsbemühungen Ankaras zwischen Israel und Syrien, er führt hinter den Kulissen Sondierungsgespräche, etwa mit der Hamas oder den irakischen Kurden, und manchmal ist er es, der die Scherben aufkehren muss, wenn sein impulsiver Chef Erdogan Porzellan zerschlägt – wie etwa mit den anti-israelischen Tiraden beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Beide Männer ergänzen sich: der emotionale Vollblutpolitiker Erdogan und der nüchterne Stratege Davutoglu. Sie personifizieren eine zunehmend selbstbewusst auftretende Türkei, die in die Rolle einer Regionalmacht hineinwächst und nicht nur den Europäern, sondern auch den USA auf Augenhöhe begegnet.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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