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Christian Engström: Freibeuter des Internets für Brüssel

Die Piratenpartei gibt es seit 2006. Bislang führte sie ein Schattendasein. Nun wird sie Umfragen zufolge bis zu acht Prozent der Stimmen bei der Europawahl erhalten. Damit steht Christian Engström kurz vor dem Einzug ins Europaparlament. Das findet selbst der Familienvater aus Stockholm unglaublich.

Augenklappe, Holzbein? Fehlanzeige. Christian Engström ist bei bester Gesundheit. Und auch die Stimmung könnte in diesen Tagen kaum besser sein: Der 49-jährige Mathematiker steht kurz vor dem Einzug ins Europaparlament. Umfragen zufolge erhält seine "Piratenpartei" (Piratpartiet) stolze sechs bis acht Prozent der Stimmen. "Unglaublich", findet das selbst der Familienvater aus Stockholm. Mit seiner Partei will er mindestens einen Sitz im EU-Parlament gewinnen und für ein "freies Internet" kämpfen, wie er sagt. Dazu zählen freier Informationszugang, Schutz der Integrität, ein neues Urheberrecht und die Abschaffung von Softwarepatenten: "Es kann nicht sein, dass die Großen der Branche kleineren Unternehmen vorschreiben, wie die ihre Software benutzen."

Die Piratenpartei gibt es seit 2006. Bislang führte sie ein Schattendasein, belächelt vom politischen Establishment. Das änderte sich schlagartig, als im April vier Verantwortliche der schwedischen Tauschbörse "The Pirate Bay" wegen Urheberrechtsverletzung zu Haft und Geldstrafen verurteilt wurden. Dieser vorläufige Schuldspruch, aber auch ein seit März geltendes Gesetz, das es der Polizei ermöglicht, illegale Downloader über deren IP-Adresse ausfindig zu machen, hat den Piraten einen ungeahnten Zukauf beschert. In Schweden, wo mehr als zwei Drittel aller Haushalte über Breitbandanschlüsse verfügen, hat die Mehrzahl der Internetanwender kein Verständnis für die Jagd auf kleine Web-Sünder. Binnen weniger Tage konnten Engström und seine Mitstreiter die Mitgliederzahl der Partei auf 45 000 fast verdreifachen.

Für Engström, der knapp 20 Jahre Mitglied in der liberalen Volkspartei war, ist die Frage der illegalen Downloads von Musik, Filmen und Programmen jedoch eher zweitrangig. "Es geht vielmehr um den Integritätsschutz des Einzelnen, um Rechtssicherheit", betont er und fragt rhetorisch, warum sich Firmen in Schweden niederlassen sollen, wenn dort der Internetverkehr von Behörden überwacht wird. Im Europaparlament will er sich um die Themen kümmern, von denen er etwas versteht. Agrarsubventionen, Flüchtlingspolitik oder Türkei-Beitritt? "Keine Stellungnahme."

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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