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Der Mann, der es wusste und schwieg

Er soll die Sauberkeit bei den Banken überwachen und wird von diesen besonders großzügig durch Spenden unterstützt. Chris Dodd, Vorsitzender des Bankenausschusses und demokratischer Senator aus Connecticut, könnte sein Wissen um die AIG-Bonuszahlungen zum Verhängnis werden. Schon vor der AIG-Affäre war Dodd in Erklärungsnöte geraten.

HB. Als AIG-Chef Edward Liddy vergangene Woche geradezu sadistisch dafür gegrillt wurde, dass sein Unternehmen AIG hohe Boni ausgezahlt hatte, muss es Chris Dodd höchst unwohl gewesen sein. Schließlich wusste der demokratische Senator aus Connecticut und Vorsitzende des Bankenausschusses, dass die Wahrheit etwas komplizierter lag – und doch schwieg er.

Erst Stunden später erleichterte Dodd sein Gewissen und beichtete CNN, dass er von den Prämienverträgen lange gewusst, sie sogar ausdrücklich zugelassen hatte. Als vor einigen Wochen eine Passage über Bonuszahlungen im Rettungspaket von Präsident Barack Obama beraten wurde, war es Dodd, der diese entschärfte. Nach der Intervention des lang gedienten Senators, der bald 30 Jahre im Oberhaus des Kongresses sitzt, wurde die Zahlung von Prämien auch in solchen Unternehmen erlaubt, denen mit Steuergeldern aus der Patsche geholfen wird. Danach dürfen alle Prämienverträge, die vor dem 11. Februar 2009 unterschrieben wurden, auch erfüllt werden. So steht es im 787 Mrd. Dollar schweren Stimulusgesetz.

Seither hat der ehemalige Präsidentschaftskandidat ein Problem – und reagiert gereizt. Der 64-Jährige rudert hin und her, lenkt die Schuld auf andere oder flüchtet sich in Unwissen. Als nun der „Center for Responsive Politics“, eine Art Kontrollorgan für das Treiben der Politiker, meldete, dass Dodd mit rund 280 000 Dollar der Spitzenempfänger von Spenden aus dem Hause AIG war, hat das Dodds Stimmung noch weiter verdüstert. Zwar hat AIG großzügig auch andere Politiker bedacht – darunter George W. Bush. Doch für den Sachwalter der Sauberkeit bei den Banken ist die Unterstützung durch die US-Finanzindustrie besonders delikat.

Und politisch gefährlich. 2010 will Chris Dodd erneut seinen Senatssitz verteidigen. Schon vor der AIG-Affäre geriet der New-England-Liberale wegen eines auffallend günstigen Immobiliendarlehens der inzwischen kollabierten Firma Countrywide in Erklärungsnot. Rob Simmons, sein republikanischer Herausforderer in Connecticut, darf sich deshalb erstmals eine Siegchance ausrechnen in dem demokratischen Stammland.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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