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Grybauskaite: Litauens Retterin statt Grüßtante

Die „Litauerin des Jahres“ ist sie schon. Und nun avanciert die frühere Finanzministerin und aktuelle EU-Kommissarin Dalia Grybauskaite zur Präsidentin des Landes. Nach ersten Auszählungen vom frühen Montagmorgen erhielt die 53-jährige Grybauskaite 68 Prozent der Stimmen.

STOCKHOLM/VILNIUS. Bei der Direktwahl des Staatsoberhauptes am Sonntag kam der Sozialdemokrat Algirdas Butkevicius als Zweitplatzierter auf zwölf Prozent. Wahlberechtigt waren 2,6 Millionen Litauer. Knapp 52 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Grybauskaite erklärte sich nach Bekanntwerden der Ergebnisse vor begeisterten Anhängern in der Hauptstadt Vilnius zur Siegerin. Grybauskaite sagte, sie sei sich neben dem „Geschmack des Sieges“ der „Last der Verantwortung“ bewusst.

Alle Umfragen hatten Grybauskaite als haushohe Favoritin bei den Präsidentschaftswahlen gesehen. Die Frage war nur: Schafft es die beliebte Politikerin bereits im ersten Wahlgang, also mit der dafür erforderlichen absoluten Mehrheit? Das hat sie nun bewiesen. Grybauskaite ist die erste Frau in diesem Amt.

Der bisherige litauische Staatspräsident Valdas Adamkus konnte nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren. Grybauskaite war als parteilose Politikerin zur Wahl angetreten. Sie war seit 2004 als Haushaltskommissarin in Brüssel tätig, kurz nachdem Litauen in die EU aufgenommen wurde. Von 2001 bis 2004 war sie Litauens Finanzministerin.

Grybauskaite meldete ihre Kandidatur für das Präsidentenamt erst im Februar an. Vielleicht ein Vorteil, denn in der litauischen Innenpolitik führen lange Kandidaturperioden oft zu einem schmutzigen Intrigenspiel. Dafür fehlte jetzt die Zeit, obwohl politische Gegner in den vergangenen Wochen einige Tiefschläge austeilten. So sah sich die Karate-Kämpferin mit schwarzem Gürtel gezwungen, ihre litauische Herkunft durch die Veröffentlichung der Geburtsurkunden von sich und ihrer Mutter zu beweisen.

Obwohl sie als Präsidentin und Nachfolgerin des 82-jährigen Adamkus hauptsächlich repräsentative Aufgaben hätte, sehen viele ihrer Landsleute die Ökonomin als Krisenmanagerin. Früh hatte sie als EU-Kommissarin ihr Heimatland vor einer harten Landung nach dem Boom gewarnt und eine strenge Haushaltsdiszlipin angemahnt – doch ihre Worte blieben ungehört. Jetzt steht das baltische Land vor einem Scherbenhaufen: Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um über 15 Prozent schrumpfen, die Arbeitslosigkeit ist sprunghaft gestiegen, und wer noch Arbeit hat, muss mit gekürztem Gehalt auskommen. „Ich kann nicht in der Fremde bleiben, wenn es daheim drunter und drüber geht“, begründete sie ihre Kandidatur. Und deutete damit an, dass sie sich stärker einmischen wird als ihre Vorgänger. Viele Litauer wünschen sich genau das. hst

Ministerpräsident Andrius Kubilius begrüßte die Wahl Grybauskaites. „Ich bin glücklich, dass sie mit einer sehr klaren Botschaft der Veränderung kommt, die sehr notwendig für Litauen ist“, sagte Kubilius.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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