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Gustaf Lind: Schwedens Mann im Hintergrund

Ob Barrosos schnelle Wiederwahl zum Kommissionspräsidenten oder Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, ob Klimaschutz oder Agrarsubventionen: Gustaf Lind hat viel Arbeit vor sich. Der Staatssekretär von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt soll die Fäden ziehen, wenn Schweden am 1. Juli die Ratpräsidentschaft der Europäischen Union übernimmt.

Ein Unbekannter ist er, ein unbeschriebenes Blatt, buchstäblich. In den Archiven schwedischer Zeitungen findet sich ein einziger Artikel über ihn, die größte Bildagentur hält gerade einmal zwei Fotos von ihm bereit: Und auf denen sieht man ihn nur im Hintergrund. Genau so versteht er auch seine Rolle. "Ich möchte lieber Ergebnisse als mich in der Zeitung sehen", sagt Gustaf Lind. Der 37-jährige Schwede ist Staatssekretär von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, der am 1. Juli für ein halbes Jahr die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernimmt.

Lind soll im Hintergrund die Fäden ziehen. Ein Prophet muss man nicht sein, um vorherzusagen, dass er einiges Geschick benötigt, damit er sich nicht verheddert. Er soll seinen Chef Reinfeld sicher durch alle Klippen steuern, die eine EU-Ratspräsidentschaft mit sich bringt. Ob Barrosos schnelle Wiederwahl zum Kommissionspräsidenten oder Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, ob Klimaschutz oder Agrarsubventionen - auf dem Schreibtisch von Lind türmen sich die Strategiepapiere.

Die nötigen Erfahrungen bringt der in Halmstad an der Westküste geborene Staatssekretär mit: Als Beamter im Außenministerium und zuletzt als Staatssekretär im Einwanderungsressort hatte er bereits Gelegenheit, die vielen Fallgruben der EU-Politik kennenzulernen.

Im vergangenen August kam dann das Angebot von Premier Reinfeldt. "Überraschend", sagt Lind. Doch so ganz aus heiterem Himmel ist der schwedische Regierungschef nicht auf den jungen Akademiker gestoßen. Denn Lind, so bescheinigen frühere Mitarbeiter, hat die Fähigkeit, mit vielen Bällen gleichzeitig in der Luft zu jonglieren. Als promovierter Völkerrechtler hat er die komplizierten Beschlussfassungsprozesse innerhalb der Vereinten Nationen und der EU kennengelernt, hat im Einwanderungsministerium eng mit seinen Kollegen in den anderen Mitgliedsländern zusammengearbeitet.

"EU-Fragen machten schon immer einen großen Teil meiner Arbeit aus", sagt Lind selbstbewusst. Derzeit ist er, der seine politische Karriere als Mitglied bei den Konservativen in Uppsala begann, ständig auf Reisen. Zum Glück, so der schüchtern wirkende Schwede, habe er ein "tolles Team", und seinem Chef Reinfeldt bescheinigt er "enorme Detail-Kenntnisse". Dann kann ja eigentlich nichts schief gehen, wenn er im kommenden Halbjahr die unterschiedlichen Positionen innerhalb der EU zusammenführen soll.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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