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Jacques Chirac: Beliebter Gegenpol zu Sarkozy

Keiner versteht es so wie er, Kühe zu streicheln. Und niemand blickt seinem Gesprächspartner so väterlich in die Augen wie er. Das mögen Gründe sein, warum die Franzosen Jacques Chirac zwei Jahre nach seinem Rückzug ins Privatleben nachtrauern. Aber vor allem ist der 76-jährige Ex-Präsident so ganz anders als sein hyperaktiver Nachfolger Nicolas Sarkozy, der oft aneckt.

Nach einer Umfrage der Zeitschrift "Paris Match" kommt der joviale Chirac in der Rangliste der beliebtesten Politiker Frankreichs mit 74 Prozent Zustimmung an erster Stelle, Sarkozy dagegen gelangte mit 41 Prozent nur auf Rang 33.

Vergessen ist der Stillstand unter Chiracs Präsidentschaft ebenso wie die Korruptionsaffären. Die "Chi-Chi-Nostalgie" ist auf dem Höhepunkt. "Man trauert ihm nach", sagt Sozialistenchefin Martine Aubry. Dabei war Chirac am Ende seiner zwei Amtsperioden von 1995 bis 2007 auf einem Tiefpunkt angelangt. Weniger als ein Drittel der Franzosen sprach ihm noch das Vertrauen aus.

Doch heute ist Chirac der Gegenpol zu Sarkozy - und wohl auch das Symbol einer besseren Zeit ohne Wirtschaftskrise geworden. Die Stunde der Revanche hat geschlagen. Die nostalgischen Gefühle seiner französischen Landsleute dürften für den Ex-Präsidenten eine Genugtuung sein nach allem Spott an seiner Regentschaft. So deutete Sarkozy sogar einmal bissig an, er werde "nicht wie andere vor ihm der König der Nichtstuer" sein.

Chirac, der vor seiner Zeit als Staatspräsident Bürgermeister von Paris (1977-1995) und Premierminister (1974-1976 und 1986-1988) war, hat sich völlig ins Privatleben zurückgezogen. Fast schien er in Vergessenheit zu geraten. Eine ökologische Stiftung, die er gegründet hat, scheint ihn nicht auszulasten; er schreibt seine Memoiren.

Doch seit einiger Zeit ist sein Name wieder in aller Munde. US-Präsident Barack Obama hat ihm sogar in einem Brief geschrieben, er wolle auf seine Erfahrung zurückgreifen. Und auf der letzten Landwirtschaftsmesse in Frankreich haben die Menschen ihren Ex-Präsidenten mit großem Jubel empfangen.

Chirac ist nicht vergessen. Er weiß immer den richtigen Ton zu finden. Und er hat Stil. Über seinen Nachfolger kommt ihm kein böses Wort über die Lippen - dabei hätte er dessen Aufstieg nur zu gern verhindert. Nun zahlt er es ihm eben indirekt heim.

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