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Mirek Topolanek: Ein Mann der offenen Worte

Er begab sich aufs Brüsseler Parkett und rutschte aus. Tschechiens Premierminister Mirek Topolanek nimmt kein Blatt vor den Mund – auch nicht als EU-Ratspräsident. Das stößt nicht gerade auf Begeisterung.

Aller Anfang ist schwer, auch für EU-Ratspräsidenten. Für Mirek Topolanek gilt das besonders. Seit Januar leitet der tschechische Premier die Runde der 27 EU-Regierungschefs – und rutschte mehr als einmal aus auf dem glatten EU-Parkett. Da war zunächst die Sache mit dem vermaledeiten Kunstwerk im Ratsgebäude in Brüssel. Topolanek hatte zugelassen, dass sich ein tschechischer Künstler über die EU-Staaten lustig macht und Bulgarien gar als Klo darstellt – das Balkan-Land protestierte empört.

Die Schuld für das Malheur schob Topolanek seinem Stellvertreter Alexandr Vondra zu und leistete sich dabei den zweiten diplomatischen Faux-pas. Bei einem Abendessen mit EU-Abgeordneten machte der Premier Vondra zur Schnecke mit den Worten: „Ich bring’ Dich um! Ich bring’ Dich um!“ Die Europaparlamentarier staunten. Tschechische Politiker sind diese drastische Ausdrucksweise schon gewohnt. Topolanek fluche gern und zeige auch mal den Stinkefinger, berichten Landsleute.

Gegenüber den EU-Partnern scheut der Mann aus Prag auch nicht vor klaren Worten zurück. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy warf er unverblümt und öffentlich Protektionismus vor. Damit hat Topolanek inhaltlich zwar recht, doch in der Form sorgte er für neue Irritationen. Das hat er offenkundig selbst gemerkt. „Wir sollten unsere Argumente nicht über die Medien austauschen“, räumte er gestern ein. Zudem hätten EU-Ratsvorsitzende die Aufgabe, „Diskussionen“ in der EU „zu moderieren“. Das klang wie eine Mahnung an die eigene Adresse.

Trotz der Startprobleme hat Topolanek das Zeug, seine EU-Präsidentschaft doch noch erfolgreich zu bewältigen. In seiner Heimat gilt der 52jährige als Stehaufmännchen. Mehr als einmal schien seine Karriere an der Spitze der konservativen Partei ODS und der wackeligen Prager Minderheitsregierung am Ende. Doch bisher hat Topolanek alle innenpolitischen Stürme überlebt – und damit Freund und Feind überrascht.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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