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Nachruf auf eine mutige Russin

Morde an russischen Menschenrechtlern, Journalisten und Juristen haben in den vergangenen Jahren immer wieder für schwere Irritationen zwischen den Machthabern im Moskauer Kreml und der internationalen Gemeinschaft gesorgt. Auch diesmal war die Empörung groß. Mit Natalja Estemirowa wurde eine Menschenrechtlerin ermordet, die sich nie einschüchtern ließ.

Es war ein nasskalter Nachmittag kurz vor Weihnachten 2008, als Natalja Estemirowa eines ihrer letzten Interviews gab. Sie stand in einer Ecke des baufälligen Pressehauses von Grosny und übte schärfste Kritik an Ramsan Kadyrow, dem Präsidenten der russischen Unruherepublik Tschetschenien. Dessen Miliz liefere sich Nacht für Nacht blutige Kämpfe mit Separatisten, sei für Folter und Entführungen verantwortlich. Natalja, wie sie vor Ort jeder nannte, sprach hastig und in kurzen Sätzen. Ihre leise Stimme bebte vor Anspannung. Sie wusste, dass ihr Spontan-Interview von Kadyrows Schergen unterbunden werden würde. Nach fünf Minuten stürmte ein halbes Dutzend Bewaffneter ins Foyer und zwang Estemirowa zu gehen.

Doch die Menschenrechtlerin hat sich nie einschüchtern lassen. In einem schäbigen Büro im Stadtzentrum von Grosny – von oben bis unten verwanzt, weshalb sie Treffen in der Öffentlichkeit stets vorzog – tippte sie Berichte für die Menschenrechtsorganisation Memorial und die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gazeta“. Sie schrieb über Auftragsmorde, Erpressungen, Folter, half tschetschenischen Frauen bei der Suche nach ihren entführten Ehemännern und arbeitete eng mit der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja zusammen.

Mutig war das – und lebensgefährlich. Am Mittwochmorgen wurde Natalja Estemirowa in Grosny von Unbekannten in ein Auto gezerrt, am Abend fand man ihre Leiche nahe einer Fernstraße im benachbarten Inguschetien – getötet wurde die Frau mit Kopfschüssen aus nächster Nähe. Memorial-Chef Oleg Orlow bringt den mächtigen Provinzfürsten, der von Putins Gnaden in Tschetschenien waltet, mit der Tat in Verbindung: Kadyrow habe Natalja als „persönliche Feindin“ bezeichnet. „Wir wissen aber nicht, ob er selbst den Befehl gegeben hat oder einer seiner engen Vertrauten, um ihm zu gefallen“, sagte Orlow.

Natalja Estemirowa wurde 50 Jahre alt. Sie hinterlässt eine 16-jährige Tochter.

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