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Nigel Farage: Europagegner mit großen Chancen

Wenn die britische UK Independence Party bei der Europawahl nicht mindestens zehn Sitze erhält, will Nigel Farage den Parteivorsitz niederlegen. Hat er es satt, die Partei mit ihren Intrigen und Eifersüchteleien wie einen Sack Flöhe zu hüten? Oder wäre dann sein Versuch gescheitert, aus der antieuropäischen Protestpartei eine Partei mit vollem inhaltlichen Spektrum zu bilden? Oder ist es Understatement, weil er sich des Erfolgs sicher sein kann?

2004 holte die UK Independence Party (Ukip) 16 Prozent der Stimmen, kam vor den Liberaldemokraten auf den dritten Platz und eroberte zwölf Sitze im Europaparlament. Damals trat sie mit dem Fernsehstar Robert Killroy-Silk an, der die Partei alsbald wieder verließ und sie beim Abschied als „Witz“ bezeichnete. 2006 übernahm Farage den Vorsitz und begann, das Parteiprofil zu reformieren. Nun stehen Frauen und ethnische Minderheiten auf der Liste. Starkandidatin ist die frühere EU-Chefbuchhalterin Marta Andreasen, die sich über ihre Weigerung, die EU-Bücher abzuzeichnen, mit Vizekommissionspräsident Neil Kinnock überwarf.

Der 45-jährige joviale Schnellredner hat seine Talente zuerst in Debatten an der angesehenen privaten Dulwich School in London geübt, dann auf dem Handelsparkett der Londoner Metal Exchange (LME). Statt zu studieren, wollte Farage lieber Geld verdienen. Er fing bei der LME als Lehrling an und hatte bald seine eigene Brokerfirma – „Farage Futures“. All das gab er auf, um sich der Politik zu widmen.

Im Europaparlament erregt der zweite Vorsitzende der europakritischen Fraktion „Unabhängigkeit und Demokratie“ immer wieder Unmut mit forschen Reden. Auch mit Offenherzigkeit eckt er immer wieder an: So gab er zu, dass er in zehn Jahren im Parlament zwei Mio. Pfund an Spesen abgerechnet habe – ein etwas zu ehrlicher Versuch, die Verschwendung im Europaparlament zu kritisieren. Aber seine Chancen stehen gut. Der Spesenskandal in der Heimat und der Unmut über das verweigerte Europareferendum dürften der Ukip Wähler in die Arme treiben.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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