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Obamas Retter des Hindukuschs

Der Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama spricht Tacheles: Bleibe es bei der Fokussierung auf die militärische Komponente, werde der Afghanistan-Krieg verlorengehen, mahnte General James L. Jones in seiner Analyse des Afghanistan-Einsatzes. Einmal mehr pochte der 65-Jährige auf die Dringlichkeit eines Strategiewechsels.

HB. Wenn ein ranghoher Militär über die Notwendigkeit zu ziviler Aufbauarbeit in Kriegsgebieten spricht, dann wirkt dies oft wie eine lästige Pflichtübung und selten überzeugend. Als allerdings General James L. Jones am Wochenende genau diesen Punkt machte, wollte man dem Sicherheitsberater des US-Präsidenten gerne glauben. "Die zivile Komponente stimmt nicht", sagte der Vier-Sterne-General klipp und klar über die Lage in Afghanistan. Und ergänzte: "Wenn man die Menschen verloren hat, dann kann man kaum noch gewinnen."

Jones weiß, worüber er spricht. Als junger Offizier erlebte er in Vietnam, wie sich sein Land in eben jene Situation manövrierte. Der Krieg in Indochina war ab einem bestimmten Zeitpunkt verloren, weil ihn die Menschen nicht mehr unterstützten - weder in Vietnam noch in den USA. Und nun steuert Washington in Afghanistan auf die gleiche Falle zu, meint Jones. Viel zu sehr habe sich das Gewicht auf das Militärische verlagert. Doch das soll sich nun ändern. "Wir sind jetzt in der Phase eines Neustarts", bilanzierte Jones. Mit anderen Worten: Über sieben Jahre nach Kriegsbeginn wird gerade die gesamte bisherige Afghanistan-Strategie über den Haufen geworfen.

Die Eindeutigkeit, mit der Jones die Lage am Hindukusch aber auch im Irak einschätzt, hatte Barack Obama von Beginn an imponiert. Sehr zum Missfallen der Bush-Regierung hatte Jones im Januar letzten Jahres öffentlich davor gewarnt, dass der Krieg in Afghanistan verloren geht, wenn nicht umgesteuert werde. Dabei zeigte sich der heute 65-Jährige bei seiner Analyse ideologiefrei und nüchtern. Diese Art, an Problemstellungen heranzugehen, ähnelt der von Obama.

Der Präsident traut Jones zu, sich inmitten einer Schar von Außenpolitikern wie Hillary Clinton oder Richard Holbrooke, die alle mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet sind, gut zu behaupten. Der trockene Stil von Jones gebietet ihm Respekt.

In jedem Fall aber wird Obama bei Jones keine Sorge haben, lediglich von einem Ja-Sager umgeben zu sein. Der General im Ruhestand ist zwar stets loyal zu seinem Präsidenten. Aber noch wichtiger ist ihm Ehrlichkeit in der Sache. Das hatte bereits Obamas Vorgänger zu spüren bekommen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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