0 Bewertungen
02.03.2007 
Korruption, Kriminalität, Verstaatlichung

Im Reich des Señor Hugo Chávez

von Alexander Busch

Unternehmen in Venezuela müssen sich mit widrigen Rahmenbedingungen arrangieren. Fast jeder ländliche Grundbesitz wurde unter der Präsidentschaft von Hugo Chavez von staatlich geduldeten Gruppierungen teilweise oder ganz besetzt. Doch nicht nur damit haben die Unternehmen zu kämpfen.

Unbeeindruckt vom bisherigen Gang der Weltgeschichte gibt Hugo Chavez die Parole "Sozialismus oder Tod" aus. Foto: dpaLupe

Unbeeindruckt vom bisherigen Gang der Weltgeschichte gibt Hugo Chavez die Parole "Sozialismus oder Tod" aus. Foto: dpa

CARACAS. Er hat es geschafft, im letzten Augenblick hat er noch die Kurve gekriegt – an Weihnachten vor sieben Jahren, als Alberto Vollmer sich mit den Banken nach zähen Verhandlungen auf eine Umschuldung einigte. Sie gewährten seiner Firma eine Frist von fünf Jahren, um die Verbindlichkeiten zu begleichen. Der Rumhersteller „Santa Teresa“ mit der dazugehörigen Hazienda war seit 121 Jahren in Familienbesitz und durch Missmanagement in die Krise geraten. Juniorchef Alberto, damals 31 Jahre alt, hatte gerade mit seinem Bruder die Führung übernommen. Sie entließen die Hälfte des Personals, strafften die Produktlinie. Den Banken gefiel der neue Kurs. „Aus dem Gröbsten sind wir raus“, dachte Alberto Vollmer.

Er hat sich geirrt. Die Finanzen waren nur ein Teil seiner Probleme. Der andere Teil kam in Gestalt eines Fallschirmspringers und Oberst: Hugo Chávez. Er war im gleichen Jahr zum Präsidenten Venezuelas ernannt worden. Er predigte von Anfang an den Klassenkampf: Seine Stimmen holte er sich bei den Armen. Seine Feinde, das waren die „Oligarchen“, das waren Männer wie Alberto Vollmer, dessen Clan zu den zehn reichsten Familien des Landes gehört. Auf dessen Hazienda, 80 Kilometer westlich von Caracas hatte sich schon Alexander von Humboldt über die grandiose Natur begeistert. Ein guter Ort für eine Attacke auf die Oligarchie – dachte sich ein enger Vertrauter von Chávez und besetzte im Februar 2000 mit 457 Familien Teile der Plantage.

Heute, sieben Jahre später, ist Chávez weiterhin Venezuelas Präsident. Und erneut sind die Unternehmer alarmiert, nachdem der Mann an der Spitze der Regierung nach seiner Wiederwahl die Verstaatlichung von Unternehmen in der Telekom- und Energiebranche angekündigt hat.

Alberto Vollmer ist weiterhin privater Unternehmer. Er hat sich mit Chávez arrangiert, mit Landbesetzungen, wuchernder Kriminalität und einem autoritären sowie korrupten Staat. Und Vollmer hat gezeigt, wie man unter solchen Bedingungen wirtschaftlich überleben kann.

„Es gab damals, Anfang 2000, drei Möglichkeiten, auf die Besetzung zu reagieren“, erinnert sich der Chef des Rumkonzerns. Nichts tun. „Dann würde es ständig neue Besetzungen geben, und wir würden unsere Hazienda verlieren“, sagte Vollmer. Mit Gewalt die Siedler vertreiben. „Dann haben wir vor unserem Tor Todfeinde.“ Die dritte Alternative schien im die aussichtsreichste: „Wir verhandeln“, entschied Vollmer.

Die folgenden Monate verbrachte er in zähen Auseinandersetzungen mit dem Chef der Besetzer. „Wir umkreisten uns wie Boxer auf der Suche nach einer schwachen Stelle.“ Hier der gerissene, glatzköpfige Ex-Militär Jose Omar Rodriguez, der mit Chávez geputscht hatte. Dort Vollmer, der mit in Harvard gelernten Verhandlungsstrategien zur Konfliktlösung in den Ring trat. Fünf Monate später gelang der Kompromiss: Die Vollmers gaben 60 Morgen Land freiwillig ab, auf dem die Besetzer eine Siedlung errichteten. Fünf Jahre nach ihrer Einweihung wirkt die Siedlung „Camino Real“ heute wie eine gepflegte Schrebergartenanlage. Hundert Häuschen mit Blumen in den Vorgärten und sauberen Straßen – ganz anders als die trostlosen Sozialbauten im nahen Caracas. Aus den Feinden vor der Tür sind Verbündete geworden. Alberto Vollmer ist sogar Pate eines Sohnes von Rodriguez.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Die Zahl der Morde hat sich in Venezuela verdreifacht.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

Vorhersage Europa

weiterBildergalerien

zurück
  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

  • Bundestagswahl: Parteien in der Nac...

    Bundestagswahl: Parteien in der Nachwuchsfalle

    Der Bundestag kommt heute zum letzten Mal vor der Sommerpause zusammen. Wenn sich die neu gewählten Parlamentarier im Oktober erstmals versammeln, werden einige altbekannte Gesichter fehlen. Insgesamt 109 Abgeordnete hören auf – darunter viele Experten auf wi...Bildergalerie 

vor

 

 

weiterGlobal Reporting

Hässliches Gesicht 

03.07.2009Global Reporting

Die Bluttat von München schockiert die Schweiz. „Mordversuch“, „Schläger ohne Reue“, „Empörung über Schweizer Schläger in München“, titeln die Zeitungen. Blog


weiterMadagaskar

Keine Revolution, kein Live-Blog 

02.07.2009Madagaskar

Der Aufstand gegen die Wahlfälschung hat Iran verändert, aber (noch) keine Revolution ausgelöst. Daher berichte ich hier nur noch vereinzelt über den Machtkampf in Teheran. Blog


Handelsblatt Marktplatz

Über 220 000 Seminare zu 120 Themen. Aktuell: Abendseminare mit Spitzen-Trainern. Weiter