Im Sog der Bankenkrise
Schutzmann fürs globale Dorf

Börsen und Banken haben ihr historisches Debakel noch längst nicht überwunden, doch an der politischen Spitze der Europäischen Union keimt schon wieder Hoffnung. Denn die Finanzkrise birgt eine vielleicht einmalige Chance: Eine neue internationale Finanzordnung könnte daraus entstehen.

Die Staats- und-Regierungschefs der Europäischen Union (EU) zeigten sich am Donnerstag in Brüssel entschlossen, diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. "Die EU muss mit ihren internationalen Partnern auf eine echte und umfassende Reform des internationalen Finanzssystems hinarbeiten", heißt es in der von den Gipfelteilnehmern einstimmig beschlossenen Abschlusserklärung.

Der Satz ist keine Selbstverständlichkeit. Beim letzten EU-Gipfel im Juni hätte der britische Premier Gordon Brown ihn mit Sicherheit noch nicht unterschrieben. Seit vielen Jahren verhindern Briten und Amerikaner Regeln für die Finanzmärkte sowohl auf europäischer als auch globaler Ebene. Noch beim Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm im Sommer vergangenen Jahres ließen Britanniens Ex-Premier Tony Blair und US-Präsident George W. Bush Bundeskanzlerin Angela Merkel auflaufen, als sie für eine Kontrolle der internationalen Finanzwirtschaft warb.

Seitdem sind die Londoner City und die Wall Street nur knapp am totalen Zusammenbruch vorbeigeschrammt. Der Schock hat deutliche Spuren hinterlassen beim britischen Regierungschef. Quasi über Nacht verwandelte sich Gordon Brown vom Totalverweigerer zum glühenden Befürworter einer strengen Finanzmarktaufsicht. Börsen und Banken brauchten mehr "Transparenz", ein besseres "Risikomanagement", und die Aufsichtsbehörden müssten "grenzüberschreitend zusammenarbeiten", forderte Brown in einem Brief an seine EU-Amtskollegen. Brown: "Wir brauchen ein neues Bretton Woods." Die Kontinentaleuropäer nahmen es mit Staunen zur Kenntnis. "So ein britisches Papier wäre doch vor wenigen Wochen noch völlig undenkbar gewesen", hieß es in der deutschen Delegation.

Brown nimmt nicht zufällig Bezug auf das Abkommen, das 1944 in der US-Ostküstenstadt Bretton Woods geschlossen worden war. Damals stoppten die Konferenzteilnehmer die Turbulenzen an den Devisenmärkten mit einer Dollar-Gold-Bindung und festen Wechselkursen, um eine zweite Weltwirtschaftskrise zu verhindern.

Bretton Woods II soll nach dem Willen der Europäer mindestens genauso ambitioniert geraten wie das Original. Erneuert werden müsse "die globale Finanz- und Geldwirtschaft und damit das System des Kapitalismus", verkündete Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Abgesehen vom Pariser Pathos gab es in Brüssel auch konkrete Ideen, wie das funktionieren könnte. Die spektakulärste: Der Internationale Währungsfonds (IWF) könnte eine neue Rolle als Weltfinanzpolizist übernehmen. Dabei denkt die EU an das Vorbild Welthandelsorganisation (WTO). Wie diese für den Welthandel, so könne der IWF für die Weltfinanzmärkte Regeln festlegen, sie überwachen und bei Verstößen auch sanktionieren. Die großen EU-Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien und die EU-Kommission könnten sich einen derart aufgewerteten IWF gut vorstellen.

Die EU hat zudem ziemlich ehrgeizige Vorstellungen davon, was der neue internationale Rechtsrahmen für die Finanzmärkte so alles umfassen soll: Liquiditätsstandards, Eigenkapitalregeln, Ratingagenturen, Risikomanagementsysteme, die Bilanzierung von Kreditderivaten, Leerverkäufe, Hedge-Fonds und Managergehälter wurden in Brüssel von verschiedenen Gipfelteilnehmern genannt.

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