Im Süden Libanons
„Spätestens in zwei Monaten herrscht hier wieder Krieg“

Erst kürzlich hatte die libanesische Armee ihre Checkpunkte im Süden des Landes abgebaut, da schien der Krieg bereits zu Ende. Doch eine Fahrt durch den südlichen Teil des Libanons zeigt: Vom sicheren Frieden ist die Region weit entfernt. Eine Handelsblatt-Reportage.

NAQORA. Unterhosen flattern im Wind. In den kleinen Zimmern der Baracken liegen verschwitzte Männer ausgestreckt auf Metallbetten. Fenster und Türen stehen weit offen, um die feuchte Hitze mit Durchzug zu lindern. Nur in einem Zimmer des kleinen Stützpunktes der libanesischen Armee in Tyrus in Südlibanon herrscht hektische Geschäftigkeit: Ausländische Journalisten und Helfer stehen hier an, um einen Passierschein zu beantragen. Denn seit Sonnabend hat die libanesische Armee ihre Checkpunkte wieder aufgebaut und verlangt von Ausländern eine Genehmigung, um in den äußersten Süden des Landes, ins Grenzgebiet mit Israel zu fahren.

Der bullige Bürochef im weißen Unterhemd braucht nur eine Kopie des Passes. Dann schreibt er die Nummer 31 auf einen kleinen, handgeschriebenen und fotokopierten Zettel, auf dem ansonsten nur das Datum des Tages steht. An einem Checkpunkt wenige Kilometer weiter wird der handgeschriebene Zettel wieder eingesammelt.

Damit hat die libanesische Armee sechs Tage nach Kriegsende formal wieder die Kontrolle über die Zufahrt zum Südlibanon übernommen. Doch nach der Auseinandersetzung zwischen Israel und der islamistischen Hisbollah, aus der sich die Armee heraushielt, soll sie erstmals seit 40 Jahren wieder mehr kontrollieren als den Zutritt von Ausländern. 15 000 Mann will die libanesische Regierung in den Süden entsenden, um zu verhindern, dass Hisbollah und Israel ihre Provokationen wieder beginnen. Dabei sollen ihnen bis zu 15 000 Uno-Soldaten zur Seite stehen.

So weit ist es noch nicht. Auf der Fahrt von der Mittelmeerküste nach Bint Jbeil im Landesinneren, auf den südlichsten Straßen im libanesischen Grenzgebiet, herrscht gespenstische Leere. Eineinhalb Stunden – noch kein einziger libanesischer Soldat war zu sehen. Allerdings auch keine Hisbollah-Kämpfer. Christliche Dörfer liegen unversehrt in der Sonne, schiitische Dörfer, zu erkennen an den neu aufgezogenen gelben Hisbollah-Flaggen am Straßenrand, sind schwer zerstört.

In der Hisbollah-Hochburg Bint Jbeil, der größten Stadt im äußersten Süden, 6 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. Hier haben Kämpfer der islamistischen Miliz und die israelische Armee sich erbitterte Gefechte geleistet. Den Marktplatz umgeben nur noch Hausruinen. Die letzten Trauergäste sind noch da, gerade wurden 19 Tote beerdigt. Kämpfer, wie die Hisbollah-Flaggen auf den Särgen ausweisen. „Nein, die libanesische Armee hat sich hier noch nicht blicken lassen“, sagt Hassan Jumah, ein 36-jähriger Busfahrer. Oben in einer Schule hätten bis Ausbruch des Krieges Soldaten ihr Quartier gehabt. Er lächelt: Als die ersten Bomben fielen, seien sie abgezogen, „natürlich ist die Armee willkommen, aber sie muss Widerstand leisten gegen israelische Angriffe wie gegen die Hisbollah“.

Doch das kann sie nicht. Die rund 60 000 Mann sind eher als Polizisten ausgebildet, verfügen gerade mal über leichte Panzer aus russischer Produktion. Die Hisbollah entwaffnen? Dazu reicht es nicht. Das Kabinett mit seinen zwei Hisbollah-Ministern hat sich darauf geeinigt, dass die Hisbollah ihre Waffen wie bisher versteckt. Nur wenn sie öffentlich getragen werden, darf die Armee sie konfiszieren. An eine Abgabe von Waffen denkt in Bint Jbeil niemand. „Welche Waffen, sehen Sie irgendwelche Kämpfer oder Waffen?“ fragt ein anderer älterer Mann.

Seite 1:

„Spätestens in zwei Monaten herrscht hier wieder Krieg“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%