Imagewandel
Control-Freak Gordon Brown lernt lachen

Die Briten kennen Gordon Brown seit mehr als zehn Jahren nur als grimmigen Schatzkanzler. „Es war eben ein Job, bei dem es nicht viel Gelegenheit zum Witzemachen gab“, entschuldigte Brown sein düsteres Renommee. Nun aber kann er plötzlich ein freundliches Lächeln aufs Gesicht zaubern. Angesichts dieses Imagewandels sind seine Landsleute ratlos.

LONDON. Zum erstenmal sah man den neuen Brown bei seiner „Krönung“ zum neuen Premier. Eigentlich ist eine solche Zeremonie in der Verfassung nicht vorgesehen. Aber als klar wurde, dass Brown der Job des Labourchefs und damit des Premiers ohne Wahl und Gegenkandidaten in den Schoß fallen würde, wurden Journalisten und Fernsehkameras eilends zu einer kleinen Feierrede ins Kellerauditorium von Bloomberg bestellt.

Brown wartete am Bühneneingang auf das Zeichen. Als der Beifall begann, zog er seine Mundwinkel weit auseinander. Mit einem Schlag war das Faltengebirge seines Gesichts, das mit dem mächtigen Kiefer und dem Hängekinn zu einem knurrenden Mops passen würde, zu einem knitzen Bubengesicht verjüngt. „Ich bin zutiefst beschämt“, sagte er und wehrte den Beifall ab.

Alle rätseln nun, was es mit diesem Lächeln auf sich hat. Immerhin hat Brown einen Ruf zu verlieren. „Control-Freak“, gar „Stalin“ nannte man ihn. Legende sind die Berichte über seine machiavellistische Natur, die einsame Art, mit der er selbstherrliche Entscheidungen traf und sich in seinem Schatzamt hinter einer immer komplizierteren Finanzbürokratie verbarrikadierte. Er war berühmt dafür, dass er Kollegen Fallen stellte – vor allem seinem alten Weggenossen Tony Blair. Nun aber lächelte er in einer halben Stunde so viel wie zuvor in zehn Jahren nicht und sagte: „Die beste Vorbereitung aufs Regieren ist, auf das britische Volk zu hören“.

Kam das Lächeln „aus tiefstem Herzen“, wie der New Statesman glaubt, einfach weil jetzt, wo alle Gegner aus dem Felde geschlagen sind, der „unattraktive Ausdruck von Neid“ aus Browns Augenwinkeln verschwunden ist? Ist es ein „zutiefst beunruhigendes“ Lächeln, wie der konservative „Spectator“ schreibt, oder „neu, aber nicht zuverlässig“, wie die „Times“ meinte? Sogar die „Washington Post“ hat sich zu gut an den grimmigen Brown gewöhnt: „Das Lächeln passt nicht in dieses Gesicht“, urteilte sie kategorisch. Browns früherer Spin Doctor Charlie Whelan warnte in der „News of the World“: Authentisch und glaubhaft wirke nicht der lächelnde, sondern der alte grimmige Brown, das Arbeitstier.

Die Briten haben jetzt fünf Wochen Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Solange wird Premier Blair auf Abschiedstournee durch die Welt reisen, während dieser Zeit wird Premier Brown „durch Zuhören und Lernen eine Stimme für die Bürger werden“. Handfeste politische Aussagen, Argumente, Kritik an Blair dürfte es in dieser Zeit keine geben. Höchstens hier und da eine Andeutung, dass nun alles anders wird. Irak, das Verhältnis mit Amerika, Europa, Schulen, die Gesundheitspolitik – und vor allem der Regierungsstil, der das Vertrauen der Bürger verloren habe. Alles wird sich ändern. Als habe Brown zehn Jahre mit der Labourregierung nichts zu tun gehabt. Es genügt, die Mundwinkeln ein bisschen nach hinten zu ziehen.

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