In Bolivien löst der erste Indio-Präsident Euphorie aus
Alles hofft auf Evo Morales

Mit Evo Morales steht in Bolivien erstmals ein Indio-Präsident an der Spitze des Landes. Vor allem die arme, zumeinst Indio-stämmige Bevölkerungsmehrheit hofft nun auf stärkere Teilhabe an den Staatseinnahmen.

LA PAZ. Hugo, der Schuhputzer, arbeitet diesen Sonntag nicht. Denn die Plaza Murillo im Herzen von La Paz, auf der er sonst gegenüber vom prachtvollen Kongressgebäude seinen kleinen Hochsitz für die Kunden aufbaut, ist wieder gesperrt. Diesmal liegt das nicht an den Protestaufmärschen, von denen es in den vergangenen drei Jahren so viele gab. Heute ist die Amtseinführung des neuen Präsidenten Evo Morales, des ersten Indio-Präsidenten in Bolivien, der Grund. Der Gewerkschaftsführer und sein gewerkschaftlich geprägtes „Movimiento al Socialismo“ (MAS) hatten bei den allgemeinen Wahlen im Dezember überraschend die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten.

Allein elf Staatsoberhäupter und zahlreiche andere Staatsgäste aus Südamerika und dem Rest der Welt sind zu dieser historischen Amtseinführung nach Bolivien gereist. Einen solchen Aufmarsch internationaler Gäste hat Bolivien noch nicht erlebt. Etwa 200 000 Menschen verfolgen auf der zentralen Plaza San Francisco, wie Evo Morales nach der offiziellen Amtsübergabe im nahe gelegenen Kongressgebäude zu ihnen spricht. Darunter auch Hugo, der Schuhputzer. „Ich habe große Hoffnung, dass unter der neuen Regierung alles besser wird“, sagt der 37-jährige Mestize. Die Regierung müsse vor allem patriotisch sein und ehrlich. „Nur deshalb haben so viele Evo gewählt, weil er bis jetzt einen ehrlichen Eindruck macht.“

An normalen Tagen kostet einmal Schuheputzen bei Hugo einen Boliviano, rund zehn Cents. Im Monat bringt er es auf 500 bis 600 Bolivianos, etwa 60 Euro. „Das reicht gerade für das Lebensnotwendige“, sagt der Vater von zwei kleinen Töchtern. Damit liegt er noch unter dem Durchschnitt: Das Pro-Kopf-Jahreseinkommen im ärmsten Land Südamerikas liegt bei 1 000 Dollar – knapp drei Dollar pro Tag.

Das vergangene Jahr war schlecht für den Schuhputzer im roten Overall. Insgesamt konnte er zwei Monate nicht arbeiten, weil die Plaza Murillo gesperrt war: „Jeder Protestmarsch hat hier geendet, dann kam die Polizei mit Tränengas oder auch mit scharfer Munition.“ Die weiße Metallhülle um Hugos Hochsitz zeigt ein Einschussloch, „das ist vom Februar 2003, als der damalige Präsident Sanchez de Lozada Massenproteste gegen seine Steuererhöhung niederschlug.“ Im Oktober 2003 war Sanchez de Lozada dann inmitten erneuter, blutiger Straßenschlachten zwischen Protestlern und Sicherheitskräften zurückgetreten, sein Vizepräsident Carlos Mesa wurde Präsident.

Erst seitdem auch Mesa nach Massenprotesten aufgab und der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Eduardo Rodriguez, als Interimspräsident antrat, kehrte Ruhe in Bolivien ein. Es kam sogar zu einem bescheidenen Wirtschaftsaufschwung, begünstigt durch hohe Rohstoffpreise.

Der Gewerkschaftsführer Evo Morales hat versprochen, dass von jetzt an vor allem die bitterarme und zumeist Indio-stämmige Bevölkerungsmehrheit von den Staatseinnahmen profitiert. Eine neue Verfassung soll die Mitbestimmung der Indio-Bevölkerung garantieren. Ein „Modell der Solidarität und der Einbindung“, nennt es Antonio Peredo, MAS-Senator und enger Vertrauter von Morales. „Evo ist die letzte Hoffnung für Bolivien“, meint Bernd Abendrot, Präsident der Arbeitgebervereinigung von La Paz und Sympathisant von Morales. Das sagt auch Hugo.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%