0 Bewertungen
21.02.2008 
Russland-Serie

In den Agrar-Ruinen regt sich neues Leben

von Thomas Wiede

Die russische Landwirtschaft kommt langsam auf die Füße. Dabei helfen westliche Technik, steigende Kornpreise und Olympia 2014. Doch weil es die jungen Leute in die Städte zieht, bleiben die alten und schlecht aúsgebildeten mit den neuen Herausforderungen oft allein.

Die ehemaligen Kolchosen wandeln sich malgsam zu modernen Betrieben. Foto: apLupe

Die ehemaligen Kolchosen wandeln sich malgsam zu modernen Betrieben. Foto: ap

KRASNODAR. Es quiekt, grunzt, stinkt – und Roman Anochin ist sichtlich stolz: Der Landwirt steht zwischen 250 Mutterschweinen dänischer Abstammung, die auf der Kolchose Krasnodarskoje nahe der Provinzmetropole Krasnodar für einen Rekord sorgen. Sie liefern dreimal soviel Fleisch wie solche aus traditionellen russischen Betrieben. Für die Kolchose ein großer Erfolg, für Russland aber ein weiterer Beleg, dass die eigene Landwirtschaft weit weniger produktiv ist als Betriebe in Westeuropa. Und das selbst in der Region Krasnodar, wo der fruchtbarste Boden Europas – die reiche Schwarzerde – liegt.

Die Mittel für die Schweine aus Dänemark stammen aus staatlichen Fördertöpfen. Die „Lehr-Kolchose“, die der landwirtschaftlichen Universität in Krasnodar angeschlossen ist, soll Bauern, Studenten und Investoren Anschauung geben, wie moderne Technologien und Managementmethoden den Ertrag steigern können. Hier im Süden, wo es kein Öl und Gas gibt, ist Grund und Boden aber der Rohstoff schlechthin. Sei es für Landwirtschaft oder Immobilien – vor allem in Sotschi, fünf Stunden Fahrt von Krasnodar, wo 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. Oligarchen, westliche Investoren, Beamte und Bauern versuchen sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Doch die strukturellen Probleme der Landwirtschaft sind nach wie vor groß.

Siebzehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion gibt es erste Anzeichen, dass aus den Ruinen der staatlichen Kolchosen und Sowchosen moderne Betriebe entstehen können. Mit Hilfe eines „nationalen Programms“ unter der Aufsicht von Dmitrij Medwedjew, dem designierten Nachfolger von Präsident Wladimir Putin, will der Staat den Farmen günstige Kredite für moderne Technologien zukommen lassen. Bis zum Jahr 2012 sollen 550 Mrd. Rubel (15 Mrd. Euro) in den Sektor fließen.

Experten ist aber klar, dass viele Betriebe es trotzdem nicht schaffen werden, am Ende der Laufzeit ihre Darlehen zurückzuzahlen: „Wir haben die Leute noch zu lange für unser altes System ausgebildet“, sagt Wassilij Komlatskij von der Agrar-Uni in Krasnodar. Früher ging es darum, möglichst viele Tonnen pro Hektar nach Moskau zu melden. Heute müsse ein Landwirt aber mit Rubel pro Hektar rechnen, einen Geschäftsplan haben und „managen“ können.

Der Mangel an Produktivität macht auch die Arbeit in der Landwirtschaft unattraktiv, denn der Durchschnittsverdienst liegt zwischen 120 und 170 Euro – und selbst das sei noch zu viel, sagt Komlatskij. Westeuropäische Bauernhöfe seien bis zu 25 mal produktiver als russische. Nur moderne Betriebe wie Krasnodarskoje können gute Löhne zahlen. Von den rund 700 Euro, die Anochin einstreicht, können viele nur träumen. Die Folgen sind offensichtlich: Die Jugendlichen zieht es in die Städte, zurück bleiben oft nur Alte und Ungebildete.

Nach dem Untergang der Sowjetunion stellte sich zum wiederholten Male in der russischen Geschichte die Frage: Wem gehört das Land? Die riesigen staatlichen Kolchosen und Sowchosen sollten den Landarbeitern die Chance eröffnen, eine eigene Farm aufzumachen. Bald stellte sich allerdings heraus, dass nur die wenigsten das wollten. Die meisten machten weiter wie zuvor – in den Großbetrieben, in die aber nicht weiter investiert wurde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie der Aufschwung nach Krasnodar kam

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Finanzkrise: Nationale No...

    Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Der Vertrauensverlust in der internationalen Finanzwirtschaft zwingt die Politik zu umfangreichen Rettungsaktionen. In der Europäischen Union wird derzeit jedoch vor allem an nationalen Lösungen gebastelt. Wer tut was?Bildergalerie 

  • Hart umkämpfte Wahlkreise...

    Hart umkämpfte Wahlkreise für die SPD

    Die SPD wird bei der Bundestagswahl 2009 etliche Direktmandate verlieren. Betroffen davon sind vor allem Wirtschaftspolitiker und Konservative der Bundestagsfraktion. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Lüthke Politikberatung für das Handelsblatt.Bildergalerie 

  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Der Papst und die Bankenkrise 

07.10.2008Global Reporting

Auch Papst Benedetto hat sich der Bankenkrise angenommen. Der Kollaps der Banken zeige, dass Geld "nichts" sind. "Das Wort Gottes ist alles, was bleibt". Diese Worte äußerte der Papst am Montag morgen, kurz bevor die Börsen öffneten. Einen passenderen Tag hätte er sich nicht aussuchen können. Blog


weiterMadagaskar

Im Web wächst Widerstand: www.finanzkrise 

24.09.2008Madagaskar

Kein Wunder, dass sich der Kongress weigert, das 700 Mrd. Dollar schwere Finanzpaket unbesehen durchzuwinken. In Amerikas Öffentlichkeit wächst der Widerstand gegen die horrende Rechnung für die Exzesse an der Wall Street. Blog


Handelsblatt - Themen des Tages