Die russische Landwirtschaft kommt langsam auf die Füße. Dabei helfen westliche Technik, steigende Kornpreise und Olympia 2014. Doch weil es die jungen Leute in die Städte zieht, bleiben die alten und schlecht aúsgebildeten mit den neuen Herausforderungen oft allein.
KRASNODAR. Es quiekt, grunzt, stinkt – und Roman Anochin ist sichtlich stolz: Der Landwirt steht zwischen 250 Mutterschweinen dänischer Abstammung, die auf der Kolchose Krasnodarskoje nahe der Provinzmetropole Krasnodar für einen Rekord sorgen. Sie liefern dreimal soviel Fleisch wie solche aus traditionellen russischen Betrieben. Für die Kolchose ein großer Erfolg, für Russland aber ein weiterer Beleg, dass die eigene Landwirtschaft weit weniger produktiv ist als Betriebe in Westeuropa. Und das selbst in der Region Krasnodar, wo der fruchtbarste Boden Europas – die reiche Schwarzerde – liegt.
Die Mittel für die Schweine aus Dänemark stammen aus staatlichen Fördertöpfen. Die „Lehr-Kolchose“, die der landwirtschaftlichen Universität in Krasnodar angeschlossen ist, soll Bauern, Studenten und Investoren Anschauung geben, wie moderne Technologien und Managementmethoden den Ertrag steigern können. Hier im Süden, wo es kein Öl und Gas gibt, ist Grund und Boden aber der Rohstoff schlechthin. Sei es für Landwirtschaft oder Immobilien – vor allem in Sotschi, fünf Stunden Fahrt von Krasnodar, wo 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. Oligarchen, westliche Investoren, Beamte und Bauern versuchen sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Doch die strukturellen Probleme der Landwirtschaft sind nach wie vor groß.
Siebzehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion gibt es erste Anzeichen, dass aus den Ruinen der staatlichen Kolchosen und Sowchosen moderne Betriebe entstehen können. Mit Hilfe eines „nationalen Programms“ unter der Aufsicht von Dmitrij Medwedjew, dem designierten Nachfolger von Präsident Wladimir Putin, will der Staat den Farmen günstige Kredite für moderne Technologien zukommen lassen. Bis zum Jahr 2012 sollen 550 Mrd. Rubel (15 Mrd. Euro) in den Sektor fließen.
Experten ist aber klar, dass viele Betriebe es trotzdem nicht schaffen werden, am Ende der Laufzeit ihre Darlehen zurückzuzahlen: „Wir haben die Leute noch zu lange für unser altes System ausgebildet“, sagt Wassilij Komlatskij von der Agrar-Uni in Krasnodar. Früher ging es darum, möglichst viele Tonnen pro Hektar nach Moskau zu melden. Heute müsse ein Landwirt aber mit Rubel pro Hektar rechnen, einen Geschäftsplan haben und „managen“ können.
Der Mangel an Produktivität macht auch die Arbeit in der Landwirtschaft unattraktiv, denn der Durchschnittsverdienst liegt zwischen 120 und 170 Euro – und selbst das sei noch zu viel, sagt Komlatskij. Westeuropäische Bauernhöfe seien bis zu 25 mal produktiver als russische. Nur moderne Betriebe wie Krasnodarskoje können gute Löhne zahlen. Von den rund 700 Euro, die Anochin einstreicht, können viele nur träumen. Die Folgen sind offensichtlich: Die Jugendlichen zieht es in die Städte, zurück bleiben oft nur Alte und Ungebildete.
Nach dem Untergang der Sowjetunion stellte sich zum wiederholten Male in der russischen Geschichte die Frage: Wem gehört das Land? Die riesigen staatlichen Kolchosen und Sowchosen sollten den Landarbeitern die Chance eröffnen, eine eigene Farm aufzumachen. Bald stellte sich allerdings heraus, dass nur die wenigsten das wollten. Die meisten machten weiter wie zuvor – in den Großbetrieben, in die aber nicht weiter investiert wurde.
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Frei handelbar ist Land erst seit 2001 und erst seit drei Jahren darf Ackerland legal in Bau- und Industriegrundstücke umgewandelt werden. Damit ist ein wahrer Kampf um Grund und Boden entbrannt: Ganze Horden von „Raidern“ suchen die alten Kolchosen heim. Seit die Getreidepreise auf dem Weltmarkt sich fast verdoppelt haben erkennen immer mehr Investoren die möglichen Gewinnmargen auf dem Acker. Zum Beispiel in Krasnojarskoje: Nur rund fünf Monate dauert es auf der Schweinefarm, bis ein Wurf reif zur Schlachtung ist, sieben Monate früher als im Landesschnitt. Massentierhaltung auf europäischem Niveau – eine dänische Firma hat den Betrieb hier aufgebaut. Die Super-Schweine würden auf einem traditionellen russischen Bauernhof gar nicht überleben, wo sie mit Hilfe von Schaufel und Stiefel in die Ställe getrieben würden, sagt Roman Anochin.
Noch immer leben gut die Hälfte der fünf Millionen Einwohner der Region Krasnodar von der Landwirtschaft – doch arbeiten immer mehr von ihnen in der Verarbeitung. In den vergangenen Jahren hat sich hier ein Zentrum der Lebensmittelindustrie entwickelt: Russische Hersteller wie Magnit oder Wim-Bill-Dann haben sich angesiedelt aber auch ausländischere Investoren wie Pepsico. Der deutsche Landmaschinenhersteller Claas hat einen Montagestandort aufgebaut und freut sich über wachsenden Absatz. Großabnehmer wie der Oligarch Oleg Deripaska, der die Landwirtschaft in der Region entdeckt hat, setzen fast ausschließlich auf westliche Technologien.
Nachdem Krasnodar in den neunziger Jahren unter der Herrschaft des nationalistischen Gouverneurs Nikolai Kondratenko zu einem Investoren-Grab zu werden drohte – der deutsche Baustoffkonzern Knauf wurde hier gar mit Waffengewalt aus seiner Fabrik vertrieben – hat sich die Region inzwischen zu einem der vielversprechenden Standorte in Russland gewandelt.
Alexander Tkatschjow, der von Putin eingesetzte Landesherr, trommelt regelmäßig im Ausland für Investitionen. Krasnodar steht heute in einem klaren Gegensatz zu den benachbarten „Problemzonen“ wie Tschetschenien, Dagestan oder Inguschetien, wo nach wie vor eine Zeitbombe aus extremer Armut angereichert mit ethnischen Konflikten tickt.
Doch auch in Krasnodar bleibt noch viel zu tun. Ein Jahr dauere es, um die Genehmigung und Finanzierung für einen neuen Betrieb zu bekommen, beklagt Uniprofessor Komlatskij. Ein großer Teil der Fördermittel würden zudem nicht abgerufen. Sicherlich habe sich auch die Lebensqualität auf dem Land gesteigert. Aber, sagt er mit Blick auf die niedriger Lebenserwartung in den ländlichen Regionen: „Unsere politischen Führer sagen immer, wie leben heute besser“, sagt er. „Doch warum leben wir dann nicht länger?“

