In der Russischen Botschaft in Berlin
Putin trifft Schröder und Merkel

"Wie um alles in der Welt“, fragte neulich ein Vertreter eines japanischen Großkonzerns eine Expertenrunde in Berlin, „gelingt es euch Deutschen, in Russland so gute Geschäfte zu machen?“ Und nach einer Pause schob er nach: „Liegt das alles nur am Kanzler?“

BERLIN. Die Runde war sich schnell einig: Nicht nur, aber zu einem guten Teil. Denn die persönliche Freundschaft zum russischen Präsidenten Wladimir Putin fällt mit den faktischen Wirtschaftsinteressen deutscher und russischer Unternehmen zusammen. So wie heute, wenn in Berlin der Bau einer Gaspipeline durch die Ostsee vereinbart wird. Noch einmal werden dann Kanzler und Präsident ihre Botschaft verkünden: Was alles machbar ist, wenn man Deutsche und Russen nur lässt. Wenngleich es nur halbe Wahrheit ist: „Die Russen sind mindestens so auf die deutschen Abnehmer angewiesen, wie wir auf russisches Gas“, relativiert Russland-Kenner Heinrich Vogel.

Ein Abschiedsbesuch sei dies, unken nun so manche in Berlin, ein letzter Freundschaftsdienst. Und tatsächlich hat sich Wladimir Putin zuletzt durchaus hilfsbereit gezeigt. Als das ZDF etwa für ein Schröder-Portrait bei Putin für ein Interview anfragte, öffneten sich schnell die Türen. Als es um die Frage eines deutschen Uno-Sicherheitsratssitzes ging, leistete Moskau – zumindest verbal – noch einmal Flankenschutz. Und seit längerem greifen die Russen durch die teilweise vorfristige Rückzahlung von Auslandsschulen Hans Eichel unter die Arme – mit über fünf Milliarden Euro bereits in diesem Jahr. Doch dies alleine als Moskauer Wahlkampfhilfe abzutun wäre zu schlicht gedacht. Putin ist Realist – und weiß, dass er sich auf die Zeit nach und ohne Schröder einstellen muss. Also trifft er in der Russischen Botschaft heute auch Angela Merkel.

Vor ausländischen Experten ließ Putin diese Woche einen kleinen Einblick in sein Innenleben zu. „Putin hat sich darauf eingestellt, dass Schröder geht“, sagt Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der an dem dreistündigen Treffen mit Putin in Moskau teilnahm. Bei aller persönlichen Sympathie habe Putin erfahren müssen, wie begrenzt die deutschen außenpolitischen Handlungsspielräume sind. „Gerade in der Ukraine-Krise hat Putin gemerkt, dass sich Deutschland in die Politik der Europäische Union einreiht“. Der deutsche Kanal wurde in der Krise mit Kiew zwar eingesetzt, doch nur, um letztlich die EU-Position zu bekräftigen. Moskau, das stets direkte bilaterale Beziehungen jenen mit komplexen Gebilden wie der EU vorzieht, habe lernen müssen, dass auch Berlin hier keine Ausnahme macht. „Da gibt es sicher eine gewisse Enttäuschung“, sagt Rahr.

Bleibt also die Wirtschaft. Deren Kapitäne, wenngleich ansonsten eher nicht im Lager der Sozialdemokraten zu verorten, machen keinen Hehl daraus, was sie an Schröder schätzen. Klaus Mangold, Chef des Ost-Ausschusses, warnt mögliche Nachfolger schon seit längerem vor einem Richtungswechsel in der Russland-Politik. Auf dem Spiel steht mehr als nur eine Freundschaft, sondern vor allem viel, viel Geld.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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