In Estland, Lettland und Litauen florieren die Finanzmärkte
Mit Tempo zum Euro

Die Zeit des Grauschleiers und der tristen Plattenbauten ist vorbei. In den mittelalterlichen Metropolen von Estland, Lettland und Litauen haben die Betonklötze aus der Sowjetzeit zumindest in den Innenstädten Platz für neue, hypermoderne Glaspaläste gemacht. Hightech und Mittelalter - es ist diese Mischung in Tallinn, Riga und Vilnius, die den Aufbruch signalisiert: Liebevoll renovierte Altstädte und glitzernde Fassaden von Banken und Immobilienmaklern.

HB DÜSSELDORF.In den Glaspalästen der großen Finanzkonzerne spiegelt sich heute der neue Wohlstand wider. Draußen BMW und Mercedes, drinnen gestylte italienische Sitzgruppen. Das Baltikum boomt.

Ein Jahr nach dem Beitritt zur Europäischen Union haben die baltischen Staaten nicht wie von einigen befürchtet an Reformtempo verloren. "Unser eindeutiges Ziel ist es, technisch für die Euro-Einführung bis Mitte 2006 bereit zu sein", sagte der estnische Zentralbankchef Vahur Kraft dem Handelsblatt. Er ist Realist geblieben, weiß, dass das tatsächliche Datum wohl "irgendwo zwischen Mitte 2006 und Januar 2007" liegen wird. Der Euro wird kommen, soviel ist sicher. Estland und Litauen sind vergangenes Jahr dem Europäischen Wechselkursmechanismus beigetreten - eine der Voraussetzungen für eine baldige Euro-Einführung, in Lettland steht dieser Schritt noch aus.

Nach der Unabhängigkeit 1991 haben sich die drei kleinen Länder zu Tigerstaaten an der Ostsee entwickelt. Ein Wachstum von jährlich fünf bis sieben Prozent, eine schnelle Umstellung ihrer Wirtschaftssysteme sind auch im Westen nicht unbemerkt geblieben. Immer mehr Unternehmen entdecken die baltischen Staaten als Produktionsstandort, aber auch als Absatzmarkt. Zwar leben in allen drei Ländern gerade einmal etwas mehr als sieben Millionen Menschen, doch der Boom schafft westliche Begehrlichkeiten - zumindest bei der schnell wachsenden Mittelschicht in diesen Ländern.

Wer etwas kaufen oder investieren will, benötigt Kapital. Die auch in Deutschland etablierte schwedische Bank SEB ist mit ihren Tochtergesellschaften die Nummer zwei im Baltikum und hat in der Region die Kreditvergabe im vergangenen Jahr von 32 auf 37 Mrd. Kronen (4,1 Mrd. Euro) steigern können. Damit seien "die Erwartungen deutlich übertroffen worden", wie SEB-Manager Mats Kjaer sagt.

Es waren vor allem nordeuropäische Konzerne, die die aufstrebenden Finanzmärkte zuerst für sich entdeckten. Die schwedische Swedbank hat sich früh an der größten Bank im gesamten Baltikum, der estnischen Hansapank, beteiligt und sie erst vor einem Monat ganz übernommen.

Deutsche Banker haben die Chancen in den kleinen baltischen Staaten erst relativ spät gesehen. "Zu spät", wie ein Stockholmer Analyst meint - da die Rosinen bereits von den Nordeuropäern herausgepickt waren. Doch mittlerweile sind die Nord LB, die HSH Nordbank und die HVB sowie einige andere deutsche Banken in allen drei Ländern vertreten.

Das rapide Wachstum gepaart mit dem unbändigen Willen, die verlorenen Jahre während der sowjetischen Besetzung im Eiltempo wieder aufzuholen, hat den Bedarf an einem gut funktionierenden Bankensystem noch erhöht. Heute gehören Hansapank, Latvijas Unibanka, Eesti Unipank oder die Vilniaus Bankas zu hypermodernen Finanzdienstleistern und werden allesamt von schwedischen Großbanken kontrolliert. "Man ist im Baltikum neuen Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen", sagt Jonas Blomberg, Manager bei der schwedischen Swedbank. Für die Esten ist Internet-Banking längst kein Fremdwort mehr - kein Wunder, denn in dem Land wird sogar schon elektronisch gewählt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%