In Gespräch: Joseph Stiglitz
„Bush hat keine Antenne für globale Demokratie“

Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz über das Ausleseverfahren für den neuen IWF-Chef, die Unruhen im Irak und Schwächen der US-Konjunktur.

HB DÜSSELDORF. Herr Stiglitz, seit Wochen wird hinter verschlossenen Türen ein neuer Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) gesucht. Was halten Sie von dieser Hinterzimmer-Auslese?

Stiglitz: Meine Sorge ist, dass es sich dabei nicht nur um einen Prozess hinter verschlossenen Türen handelt. Es geht nur darum, den bestqualifizierten Europäer zu finden. Die Nationalität des Kandidaten spielt eine herausragende Rolle.

Der spanische Finanzminister Rodrigo Rato gilt als der ganz heiße Favorit – eine gute Wahl?

Stiglitz: Ich gebe keinen Kommentar zu bestimmten Anwärtern ab. Die wichtigste Frage ist doch: Was für ein Auswahlprozess findet statt? Und bekommen wir den besten Kandidaten auf der ganzen Welt?

Wie hoch ist die Chance, dass irgendwann einmal ein Nicht-Europäer auf dem IWF-Chefsessel sitzt?

Stiglitz: Ich hatte gehofft, dass bereits der Entscheidungsprozess im Jahr 2000 offener über die Bühne gehen würde. Der IWF hatte bei den Krisen in Asien und Russland 1997/98 schrecklich versagt und danach das Thema Transparenz selbstkritisch auf die Tagesordnung gesetzt. Nachdem es aber 2000 nicht mit einem fairen Auswahlverfahren geklappt hatte, dachte ich, dass der IWF spätestens nach Horst Köhlers Rücktritt einen Schnitt machen würde. Aber die Dinge sind praktisch nach dem gleichen Muster abgelaufen wie in der Vergangenheit.

Woran liegt das?

Stiglitz: In hohem Maße trägt die US-Regierung daran Schuld – auch die Europäer haben ihren Anteil. Wenn sich Amerika und Europa auf einen offenen Entscheidungsprozess geeinigt hätten, wäre es auch dazu gekommen. Beide können sich dieses geschlossene Procedere aber leisten, weil sie zusammen die Mehrheit der Stimmanteile im IWF haben.

Wer wäre denn ein guter Kandidat gewesen?

Stiglitz: Es gibt eine Menge sehr guter Kandidaten auf der ganzen Welt. Ich denke etwa an Experten wie Arminio Fraga, den ehemaligen Direktor der brasilianischen Zentralbank. Er machte einen hervorragenden Job als Notenbank-Gouverneur in schwieriger Zeit. Er hat in Wirtschaftswissenschaften promoviert, sammelte viel Erfahrung im Umgang mit Entwicklungsländern und arbeitete an der Wall Street – alles optimale Voraussetzungen.

„Köhlers Bilanz als IWF-Chef ist gemischt – in Argentinien hat der Fonds kläglich agiert, die Krise in Brasilien wurde besser gelöst.“

Ein derartiges Profil bleibt wohl bis auf weiteres Wunschdenken?

Stiglitz: Die Regierung von US-Präsident George W. Bush hat keine besonders ausgeprägte Antenne für globale Demokratie. Ihr unilateraler Kurs unterstreicht dies. Und deshalb verfolgt Washington auch nicht das Ziel, internationale Organisationen durch mehr Transparenz und mehr Demokratie zu stärken. Ich bin zuversichtlich, dass die nächste Regierung – sofern wir einen anderen Präsidenten haben – zu dem Schluss kommt, dass wir in einer höchst integrierten Welt globale Demokratie brauchen.

Inwieweit übt das US-Finanzministerium oder die Wall Street Druck auf den IWF aus?

Stiglitz: Die US-Administration hat auf Grund ihres 17-prozentigen Stimmenanteils im Fonds praktisch ein Vetorecht. Die Geschäfte werden allerdings vom amerikanischen Finanzministerium geführt, das innerhalb des IWF eine herausragende Rolle einnimmt. Im Hintergrund steht jedoch die Wall Street, die einen unangemessen hohen Einfluss auf das US-Finanzministerium hat.

Steht der Fonds vor einer neuen Ära, oder wird alles weiterlaufen wie bisher?

Stiglitz: Jede Organisation von der Größe des IWF hat natürlich einen riesigen bürokratischen Apparat. Veränderungen sind da nur sehr schwer durchzusetzen. Das gilt vor allem für Institutionen, bei denen verhältnismäßig viele Leute einen Doktortitel haben – wie beim Fonds. Es gibt ja den Witz, dass nur eines schlimmer ist als eine dumme Bürokratie: eine intelligente Bürokratie.

Was sind die Herausforderungen für die kommenden Jahre?

Stiglitz: Der IWF hat es bislang versäumt, die tiefer liegenden Schwächen des globalen Finanzsystems anzupacken. Den Entwicklungsländern wird durch die Risiken veränderter Zinssätze und veränderter Wechselkurse eine enorme Belastung aufgebürdet. Da die armen Staaten die Risiken nicht stemmen können, liegt hier eine Hauptursache für die weltweiten Finanzkrisen.

Horst Köhler steht kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Welche Spuren hat er als IWF-Chef hinterlassen?

Stiglitz: Ich glaube, Köhler hatte Glück, dass die Welt in seiner Amtszeit stabiler war als in der Ära seines Vorgängers. Im Falle von Argentinien hat der Fonds kläglich agiert. Die potenzielle Krise in Brasilien wurde hingegen wesentlich besser gelöst. Das ist insgesamt eine gemischte Bilanz. Grundlegende Reformen im Weltwirtschaftssystem haben nicht stattgefunden. Einige Probleme wurden aber zumindest erkannt: So drehte Köhler die Liberalisierung der Kapitalmärkte zurück – aus der Erkenntnis heraus, dass sie nicht Wachstum, sondern Instabilität erzeugt. Derartige Schritte belegen, dass der IWF gegenüber dem Rest der Welt nicht so weit hinterherhinkt wie in der Vergangenheit.

Im Irak haben die Unruhen dramatisch zugenommen. Überrascht Sie das?

Stiglitz: Überhaupt nicht. Der Wiederaufbau des Landes wurde von der US-Regierung völlig falsch eingefädelt. Die Arbeitslosenrate im Irak ist sehr hoch. Es war ein Fehler, eine große Armee aufzulösen, ohne gleichzeitig für neue Jobs zu sorgen. Stattdessen haben sich die Amerikaner um Probleme der Infrastruktur gekümmert. Außerdem verfügt die Besatzungsmacht über kein besonderes Gespür für die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung. Der irakischen Wirtschaft wurde eine Schocktherapie verordnet.

„Die USA müssen mehr in Forschung, Technologie und Bildung investieren – sonst ist das künftige Wachstum gefährdet.“

Ist die Gewalt im Nahen Osten möglicherweise auch ein Reflex auf die Globalisierung?

Stiglitz: Ich glaube nicht, dass die Globalisierung an sich die Turbulenzen auslöst. Vielmehr haben wir im Nahen Osten ja gerade das Problem, dass etliche Länder nicht richtig in die Weltwirtschaft integriert sind – im Gegensatz etwa zu Ostasien. Hinzu kommt das, was ich als Fluch des Rohstoffes Öl bezeichnen würde: Durch die Öleinnahmen können sich die autoritären Regimes an der Macht halten. Es wird eine Art Wohlfahrtsstaat geschaffen, der den Menschen gerade so viel zum Leben lässt, dass sie keine Massenrevolte anzetteln.

Demnach ist auch der Terrorismus kein Reflex auf die Globalisierung?

Stiglitz: Der Terrorismus hat viele verschiedene Ursachen. Aber die Verzweiflung, die aus lang anhaltender gravierender Armut kommt, ist oft einer der Faktoren, die zum Terrorismus führen.

Es scheint, dass sich die US-Wirtschaft auf einem robusten Wachstumspfad befindet. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Stiglitz: Ich fürchte, dass sich das Ganze nicht als nachhaltig erweist. Die US-Konjunktur läuft erheblich unter ihrem Potenzial. Wir hätten eigentlich während der vergangenen dreieinhalb Jahre zwischen acht und neun Millionen neue Jobs schaffen müssen. Tatsächlich wurden aber rund zwei Millionen Arbeitsplätze abgebaut. Robustes Wachstum haben wir erst dann, wenn wir an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen können.

In den acht Jahren der Clinton-Ära entstanden in Amerika mehr als 20 Millionen neue Stellen. Wäre das heute wiederholbar?

Stiglitz: Sicher. Aber dazu bräuchten wir eine radikale Wende in der Wirtschaftspolitik: Die satten Steuererleichterungen für Spitzenverdiener müssten zu Gunsten von Entlastungen für kleinere und mittlere Einkommen gekippt werden. Dadurch könnte die Konjunktur besser stimuliert werden. Zudem sollte die Regierung etwas gegen das Besorgnis erregende Haushaltsdefizit tun.

Also Ausgabenkürzungen?

Stiglitz: Auf jeden Fall, zum Beispiel beim Verteidigungsetat. Mehr investieren müssten wir hingegen in Forschung, Technologie und Bildung – allesamt Bereiche, in denen die Bush-Administration derzeit auf zu kleiner Flamme kocht. Dadurch werden die Grundlagen für unser zukünftiges Wachstum gefährdet.

Malen Sie da nicht ein bisschen zu schwarz?

Stiglitz: Keineswegs. Amerikas führende Rolle beim Wachstum beruhte auf Errungenschaften von Silicon Valley und unserem Forschungspotenzial. Das war möglich, weil wir offen waren für Talente aus der ganzen Welt. Diese Menschen konnten über einen längeren Zeitraum in den USA bleiben. Im Moment machen wir hingegen unsere Grenzen dicht: Studenten haben Schwierigkeiten, Visa zu bekommen, immer weniger immatrikulieren sich an amerikanischen Universitäten.

Der ehemalige IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff sagte einmal süffisant: Sie hätten niemals zugegeben, sich auch nur ansatzweise geirrt zu haben. Was war Ihr größter Fehler?

Was den IWF in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre auf die Palme gebracht hat, war meine Prognose, dass sein Rezept für Ostasien scheitern würde. Und genau so kam es dann ja auch. Es gibt nichts Schlimmeres, als mit der eigenen Vorhersage Recht zu behalten.

Das Gespräch führte Michael Backfisch.

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