In vielen Ländern Europas steht die Alterspyramide Kopf
Überalterung gefährdet Wachstumsziele

„Die Nachfrage nach Schwarzwälder Kirschtorte, koffeinfreiem Kaffee und Wellnessbädern boomt, und die Hersteller von Babynahrung, Pampers oder Kinderwagen melden Kurzarbeit an.“ So wird „die Welt der Deutschen“ aussehen, wenn die Alterung die „geistige und wirtschaftliche Dynamik Deutschlands“ erlahmen lässt – zumindest in den Augen von Hans-Werner Sinn.

DÜSSELDORF. „Ist Deutschland noch zu retten?“, fragt der Präsident des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) in seinem gleichnamigen Buch. Und wie Sinn fürchten viele führende Wirtschaftswissenschaftler, dass die starke Alterung der deutschen Gesellschaft und der massive Bevölkerungsrückgang schon bald zu einer chronischen Wachstumsschwäche führen könnten. Die meisten anderen Länder der Europäischen Union stehen vor ähnlichen Problemen. Für das Ziel der Brüsseler Kommission, das Wirtschaftswachstum in der Union bis 2010 auf drei Prozent zu steigern, sehen Ökonomen deshalb schwarz.

Für Deutschland hat der Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und demographischer Wandel (Mea), Axel Börsch-Supan, bereits zwei Szenarien für die Folgen der Überalterung errechnet. Im schlimmsten Fall, so der Wissenschaftler, sinkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 2010 bis 2030 um durchschnittlich 0,5 Prozent pro Jahr. Im besten Fall sind es immer noch 0,2 Prozent.

Mehr Alte – das bedeutet weniger Wachstum, weniger Risikofreude, weniger Firmengründungen. Laut Sinn könnte der technische Fortschritt erlahmen, „weil die jungen innovativen Forscher fehlen“. Mit 35 Jahren erreichten Wissenschaftler ihre maximale Leistungskraft – die geburtenstärksten Jahrgänge aber seien mit 40 Jahren schon heute deutlich älter. Weil künftig auch mehr Arbeitgeber in Rente gehen werden, hält Sinn aber die Schlussfolgerung für falsch, dass der demographische Wandel die Arbeitslosigkeit sinken lässt.

Neben der Alterung – im Jahr 2050 wird laut Statistischem Bundesamt jeder Dritte in Deutschland 60 Jahre oder älter sein – beunruhigt Experten ein zweites Phänomen: Bis 2050 wird die Bevölkerungszahl auf das Niveau von 1963 – gut 75 Millionen Einwohner – sinken. Die Menschen werden also nicht nur älter, sondern sie haben auch weniger Nachwuchs.

Wie stark die Wirtschaftsleistung abnehmen wird, hängt laut Börsch-Supan von vier Faktoren ab. Um den Einfluss der Alterung auf das BIP zu minimieren, müssten das durchschnittliche Renteneintrittsalter um vier Jahre nach hinten und der Berufseinstieg um ein Jahr nach vorne verschoben werden. Die Anzahl der Arbeitslosen müsste auf 1,5 Millionen sinken und Frauen dürften nur noch ein Drittel weniger arbeiten als Männer – nicht wie bisher zwei Drittel. Doch Börsch-Supan ist skeptisch, dass die Erwerbsquote von Frauen steigt: „Denn sie liegen ja bislang nicht auf der faulen Haut. Kinder müssen versorgt werden, und über Nacht bekommen wir keine Ganztagsbetreuung.“

Eine Konsequenz aus der Alterung der Gesellschaft müsse sein, dass „lebenslanges Lernen“ immer wichtiger werde, sagt Thomas Bauer vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. „Die Gefahr ist nicht die Alterung, sondern die Qualität der Alten“, meint auch Federico Foders, Experte für Bevölkerungsforschung am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Ganz schwarz malen müsse man die Zukunft aber nicht, betont Börsch-Supan. Der Ökonom sieht in der Alterung auch eine „große Errungenschaft“: „Wir leben länger und bleiben länger gesund – das ist doch eine sehr positive Bilanz“. Selbst die negativen Auswirkungen der Überalterung auf das Wirtschaftswachstum hält der Mea-Direktor für korrigierbar: „Eine Abkopplung der Gesundheitsversicherung von den Lohnkosten ist der wesentlichste Schritt in diese Richtung“, sagt er. Wenn die Politik den Mut habe, den Bürgern selbst zu überlassen, wie sie sich gegen Krankheitsrisiken absichern wollen, würde sich zeigen, dass die Menschen bereit seien, für ihre Gesundheit Geld auszugeben. „Der Gesundheitssektor ist ein riesiger Markt.“ Und das nicht nur im Wellnessbereich – dem Ifo-Chef Sinn angesichts der demographischen Entwicklung eine rosige Zukunft prophezeit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%