Indien-Besuch
Merkels Gratwanderung

Schon heute profitieren deutsche Unternehmen vom gewaltigen indischen Potenzial. Angela Merkel will die Zusammenarbeit künftig intensivieren. Bei ihrem ersten Besuch in Neu-Delhi muss die Kanzlerin dafür eine Gratwanderung absolvieren. Grund sind die Chinesen.

NEU-DELHI. Deutschland will seine „strategische Partnerschaft“ mit Indien in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erheblich ausbauen. „Das gemeinsame Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Neu-Delhi. Zugleich bemühte sie sich bei ihrer viertägigen, vom indischen Gastgeber protokollarisch zum „Staatsbesuch“ hochgestuften Visite, an die zunehmende Verantwortung des Milliardenvolkes in internationalen Fragen zu appellieren.

Dabei nannte sie als amtierende G8-Vorsitzende regionale Konflikte wie die Unruhen in Birma, die Welthandelsrunde und den Klimaschutz. In einer gemeinsamen Erklärung für eine „strategische und globale Partnerschaft“ bekräftigen Indien und Deutschland zudem die Forderung nach einer Reform des Uno-Sicherheitsrates und beteuern die „nachdrückliche Unterstützung der jeweils anderen Seite“ für einen ständigen Sitz im höchsten Uno-Gremium.

Merkel musste bei ihrem ersten Indien-Besuch allerdings eine Gratwanderung absolvieren. So will sie die deutsche Wirtschaft und Politik stärker zur Kooperation mit dem demokratischen Indien drängen, zugleich aber China gerade nach dem Dalai-Lama-Empfang nicht weiter verprellen. Die asiatischen Länder dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, hatte Merkel deshalb vor der Abreise betont. Aber ohne China überhaupt nur zu nennen, macht sie in Neu-Delhi ihre Präferenzen klar: „Indien und Deutschland verbindet eine demokratische Ausrichtung und ein multilateraler Ansatz bei der Konfliktlösung“, betonte sie. Und in der am Dienstagabend vorgestellten gemeinsamen Erklärung betonen beide Regierungen gleich im zweiten Paragrafen „die universellen Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Grundfreiheiten“.

Wie schwierig der Balanceakt zwischen den sich gegenseitig misstrauisch beäugenden asiatischen Ländern allerdings auch ohne Affront gegen Peking ist, zeigte Merkels Bemerkung, dass Indien nach China „natürlich der zweite große Ansprechpartner in Asien ist“. Dadurch wiederum dürfte sich der enge G8-Partner Japan zurückgesetzt sehen.

Auch die von der Kanzlerin vorsichtig angedeutete Zustimmung Deutschlands zu dem geplanten indisch-amerikanischen Atomabkommen ist nicht unumstritten. Berlin sieht sich zum einen dem Druck aus Washington und Neu-Delhi ausgesetzt, Zustimmung zu dem Atomabkommen zu signalisieren. Dafür muss Deutschland in der sogenannten „Nuclear Suppliers Group“ (NSG) zustimmen, in der es im Mai 2008 den Vorsitz übernimmt. Tatsächlich sieht die Kanzlerin dies als Chance, die Atommacht Indien langsam an internationale Abrüstungsvereinbarungen heranzuführen. Öffentlich pocht sie allerdings auf größtmögliche Transparenz und eine möglichst enge Anbindung an internationale Abrüstungsabkommen.

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