Indiens Wirtschaftsboom beschleunigt sich. Nach 6,9 Prozent im Vorjahr soll das Wachstum im laufenden Finanzjahr auf über sieben Prozent anziehen. Doch anders als der Optimismus der Wirtschaft vermuten lässt, ist das Reformtempo der Regierung unter Premier Manmohan Singh erlahmt.
DELHI. Indiens Wirtschaftsboom beschleunigt sich. Nach 6,9 Prozent im Vorjahr soll das Wachstum im laufenden Finanzjahr auf über sieben Prozent anziehen. Die Exporte florieren, die Unternehmensgewinne sprudeln, viele Firmen investieren massiv und die Börsen erreichen immer neue Höchststände. Doch anders als der Optimismus der Wirtschaft vermuten lässt, ist das Reformtempo der Regierung unter Premier Manmohan Singh erlahmt. „Der Reformer Singh beginnt, seine Anhänger zu desillusionieren“, schreibt die Bank J.P. Morgan in einem Report.
15 Monate nach dem Machtwechsel zu einer linkslastigen Regierung unter Führung der Kongresspartei blockieren vor allem die Kommunisten neue Liberalisierungsinitiativen. Doch die Minderheitsregierung aus einem Dutzend Parteien ist auf ihre Unterstützung angewiesen. Zudem bremsen einige Granden der Kongresspartei Singh. Sie fürchten, dass marktfreundliche Reformen Wähler vergraulen könnten.
Unübersehbar wurde der wirtschaftspolitische Stillstand, als im August der Verkauf von 13 maroden Staatsfirmen am Widerstand der Linken scheiterte. Analysten werten dies als endgültigen Tod des Privatisierungsprogramms. Keine Fortschritte macht der Abbau von Subventionen, die Ressourcen für überfällige Infrastrukturinvestitionen fressen. So hebt die Regierung trotz gestiegener Rohölpreise die Kraftstoffpreise bislang nicht an. Fürs erste vom Tisch ist zudem der lange versprochene leichtere Zugang für Auslandsinvestoren in der Banken- und Versicherungsbranche und eine Öffnung des Einzelhandels.
Den Experten von J.P. Morgan bereitet darüber hinaus Singhs Hang zu populistischen Sozialprogrammen Sorge. Paradebeispiel dafür ist ein Gesetz, das Indiens Elend beenden soll: Es räumt einem Mitglied jeder Familie das Recht auf 100 Tage Arbeit im Jahr zum Mindestlohn von rund einem Euro am Tag ein.
Sonia Gandhi, Chefin der Kongresspartei, preist das Programm, das ihr Image als Anwältin der Armen schärft, als „menschliche Komponente der Wirtschaftsreformen, die Wachstum gerechter verteilt“. Doch wenn es voll umgesetzt wird, kommen auf den Staat ab 2009 Ausgaben von umgerechnet 32 Mrd. Dollar zu – 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).
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„Die Reduzierung des Defizits wird damit zum Problem“, meint Sanjeev Sanyal von der Deutschen Bank. Ein gesamtstaatliches Defizit von fast zehn Prozent des BIP gilt als Achillesferse der indischen Wirtschaft. Am heftigsten wird die Arbeitsgarantie aber kritisiert, weil ihr wegen der verbreiteten Korruption dasselbe Schicksal droht wie kleineren Vorgänger-Programmen: „Der größte Teil des Geldes wird nie bei den Armen ankommen, sondern in den Taschen lokaler Politiker landen“, erwartet Surjit Bhalla, Leiter von Oxus Research.
Um verbreiteten Missbrauch einzudämmen, hatte Singh bei seinem Amtsantritt eine grundlegende Reform des Verwaltungssystems angekündigt – die aber stockt. „Wir haben ein Problem“, räumte der Reformer jüngst ein. Seiner Koalition fehle ein Konsens, der ihm große wirtschaftspolitische Sprünge – wie etwa die Liberalisierung des rigiden Arbeitsrechts – erlaube. Solange dies nicht geschieht, können kaum exportorientierte Massenindustrien mit Jobs für Millionen ungelernte, arme Landflüchtlinge entstehen.
Den seit drei Jahren andauernden Boom sieht Volkswirt Sanyal aber trotz des gebremsten Liberalisierungstempos nicht gefährdet: „Die wichtigsten Strukturreformen hat Indien hinter sich“, meint der Deutsche-Bank-Experte, der das Land auch in den kommenden Jahren mit 6,5 bis sieben Prozent wachsen sieht. Weitere Schritte stünden vor allem auf Ebene der Landesregierungen an, von denen sich einige sehr investorenfreundlich zeigten.
Zu den wichtigsten Wachstumsfaktoren Indiens zählt heute seine Demographie: Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25, nur fünf Prozent sind im Rentenalter. Anders als in China, dem bald eine ähnliche Überalterung droht wie Europa, wird Indiens Pool von Arbeitskräften bis 2020 um 250 Mill. Menschen anschwellen. Diese Entwicklung macht das Land zum potenziellen Partner des Westens: „Ein alterndes Deutschland wird Indien bald mehr brauchen als umgekehrt“, erkannte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber letztes Jahr nach einer Reise auf dem Subkontinent.
Gerade hat das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung Südkorea überrundet und sich zur drittgrößten Volkswirtschaft Asiens und zur Nummer zehn weltweit aufgeschwungen. Die Berater von KPMG gehen davon aus, dass Indien bis Mitte des Jahrhunderts zusammen mit China zu einer der zwei größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigt. Die Deutsche Bank sieht das Land binnen fünfzehn Jahren zur globalen Nummer drei heranwachsen. Ideale Demographie, Globalisierungsvorteile und weitere Reformen sollen Indien der Bank zufolge erlauben, China ab 2015 den Rang als weltweiter Wachstumsstar abzulaufen.


