Indien
Das Modi-Experiment

Die Bargeld-Reform von Narendra Modi sendet Schockwellen durch die indische Wirtschaft. Für die zweite Hälfte seiner Amtszeit setzt der Regierungschef alles auf eine Karte. Doch sein Plan klingt für viele wie Hohn.
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Vadnagar/BangkokNoch vor ein paar Wochen ließ Sajid Patel nichts auf den indischen Regierungschef kommen. Der junge Mann ist stolzer Besitzer eines Modegeschäfts und wohnt in Narendra Modis Heimatstadt Vadnagar, ganz im Nordwesten des Landes: Guckt er aus dem Fenster, blickt er auf jenen Bahnsteig, an dem der kleine Narendra Modi einst als kleiner Junge Tee verkaufte. „Er ist mein Held”, sagte der junge Mann.

Es waren schöne Zeiten: Patels Geschäft boomte und Vadnagar boomte auch – dank der Unterstützung des mächtigen Sohnes der Stadt sogar mehr als andere Landesteile. Patel schwärmte vom neuen Bus-Bahnhof für den Modi verantwortlich sei, von dem neuen Krankenhaus und den neuen Straßen. Doch das Bild seines Helden hat Kratzer bekommen – und zwar gewaltige.

Der kleine Einzelhändler Patel ist in ein gigantisches Experiment geraten, dessen Ausgang weiterhin ungewiss ist. In der Nacht auf den 9. November erklärte Indiens Regierungschef Scheine im Wert von 500 und 1000 Rupien kurzerhand als unzulässiges Zahlungsmittel. Wer gültige Noten haben will, muss die alten Scheine umtauschen oder zunächst auf ein Bankkonto einzahlen. Doch auch gut einen Monat nach Ankündigung der sogenannten Demonetarisierung bleibt das Bargeld knapp.

Geschäftsmann Patel bekommt das zu spüren, auch in Vadnagar sei der Kampf um Bargeld ausgebrochen: „Die Leute haben kein Geld, niemand kommt mehr in mein Geschäft”, sagt er. „Die Lage ist wirklich schockierend.” Dass die Krise bald vorbei sein könnte, glaubt er nicht. „Ich befürchte, das wird noch Monate andauern.”

Während Modis Reform weiterhin Schockwellen durch die indische Wirtschaft schickt, wird immer klarer, dass mittlerweile sein politisches Schicksal daran hängt. Zu Beginn der zweiten Hälfte seiner Amtszeit setzt Modi alles auf eine Karte. „Wenn die Demonetarisierung ein Erfolg ist, wird er der unumstrittene Anführer sein”, vermutet der frühere indische Ministerpräsident H.D. Deve Gowda. „Wenn sie misslingt, ist er am Ende.”

Modi preist seinen Reform weiterhin als notwendigen Schlag gegen die Korruption, Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung: All jene, die ihre nicht versteuerten Einkommen zu Hause versteckten, sollen entlarvt werden. Tatsächlich ist Steuerhinterziehung ein großes Problem. Erst im Mai wurde bekannt, dass nur rund ein Prozent aller Inder überhaupt Einkommenssteuer bezahlen. Doch was für Transparenz und Ordnung sorgen sollte, bewirkt immer mehr Frust: Damit einzelne für ihre Sünden büßen, schickt Modi sein ganzes Volk durch ein Fegefeuer.

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  • Ein Blick auf die Gesichter der Menschen auf diesem Video (aus der Tagesschau vom 19.11.2016) sagt mehr darüber aus, was von Modis Experiment zu halten ist als 1000 Artikel es könnten: thttp://www.tagesschau.de/ausland/indien-geld-101.html

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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