Indien
Der neue Star aus Asien

Indien war jahrzehntelang das Aschenputtel unter Asiens Volkswirtschaften. Nun tänzelt das Land als stolze Prinzessin aufs Parkett der Globalisierung. Die größte Demokratie der Welt schwingt sich zum neuen Star auf. Ein Handelsblatt-Bericht.

NEU-DELHI. Investoren hofieren das Land als die nächstegroße Wachstumsstory nach China. Den Wandel illustriert eine Google-Suche: Wer das Stichwort „Indien“ mit „Boom“ oder „Wachstum“ verbindet, erhält inzwischen mehr Treffer als bei der Suche nach Attributen, mit denen das Land früher assoziiert wurde, wie „Armut“, „Guru“, „Kamasutra“ oder „Tiger“.

Anzeichen des Wirtschaftsbooms, der das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt erfasst hat, finden sich allüberall: Flüge sind auf Wochen ausgebucht, kein Hotelbett mehr unter 300 Dollar die Nacht, die Mieten steigen jährlich um die Hälfte, die Löhne um ein Siebtel. Von Delhi bis Kalkutta knubbeln sich Trabantenstädte, selbst in Provinzstädten wuchern Shopping- Malls, und die Zahl der Autoswächst so schnell, dass der Verkehr vor dem Infarkt steht.

Seit 2003 wächst Indiens Wirtschaft im Schnitt mit acht Prozent – und damit deutlich schneller als um die sechs Prozent, die das Land seit Beginn der Liberalisierung 1991 zulegte. Und die Zukunftsaussichten sind rosig: „In den kommenden fünf JahrenwirdIndienauf einen Wachstumskurs von neun bis zehn Prozent einschwenken“, ist Premierminister Manmohan Singh sicher. Der Optimismus hat auch Bankvolkswirte infiziert. Goldman Sachs erwartet, dass Indien in den nächsten 50 Jahren diehöchstenWachstumsraten der Welt vorweisen wird und die Volkswirtschaft in 30 Jahren zur weltweiten Nummer drei nach China und den USA aufsteigt. Die Deutsche Bank ist noch optimistischer: Umdurchschnittlich 5,5 Prozent im Jahr soll Indien bis 2020 schneller wachsen als jedes andere Land der Welt und zur Nummer drei der Weltwirtschaftsmächte aufsteigen. Ohne die Volksrepublik als Messlatte wäre Indien bereits heute der weltweite Wachstumsstar und müsste sich nicht mit Platz zwei und demTrostpreis der am schnellsten wachsenden Demokratie begnügen.

Die Regierungsform der Demokratie bremst den Reformprozess. Wie in Deutschland oder Frankreich werden auch in Indien Wahlkämpfe leichter mit dem Versprechen von Subventionen gewonnen als mit harten Strukturreformen. Anders als inChina können Bürger vor Gericht Einspruch erheben gegen den Bau von Staudämmen, Autobahnen oder den Abriss von Slums. Das verzögert Großprojekte. Aber die Demokratie macht Indien grundstabil und den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht berechenbar. Trotz der Vielfalt an Sprachen, Religionen undKasten fürchtet kein Beobachter Indiens Kollaps oder einen Bürgerkrieg.

Seite 1:

Der neue Star aus Asien

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%