Indien
Modis Traum vom Wirtschaftswunder-Land

Indiens Regierungschef ist ein Meister darin, Hoffnungen zu wecken. Doch das Parlament blockiert seine wichtigsten Projekte. „Big Bang”-Reformen bleiben aus – und Vollgas-Politiker Modi gibt sich plötzlich kleinlaut.
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Eine wichtige Rede ohne ein paar Ankündigungen, wäre einfach keine Modi-Rede gewesen: 18.500 weitere Dörfer will Indiens Regierungschefs in den kommenden 1000 Tagen ans Stromnetz anschließen, versprach Narendra Modi während seines Auftritts zum indischen Unabhängigkeitstag. Außerdem werde er stärker denn je gegen Korruption kämpfen – und schloss seine eigene Regierung mit ein. „Wir können dieses Land von Korruption befreien, doch müssen wir an der Spitze beginnen.“

Es war wieder die perfekte Modi-Show: Von einem großen Podest predigte Modi hinunter zu den Massen, hinter ihm das Rote Fort in Neu Delhi, ein Inbegriff indischer Macht. Immer wieder breitete der Regierungschef die Arme über der Menge aus, so als wollte er das ganze Milliardenvolk auf einmal umarmen. Bei 30 Grad im Schatten redete er 90 Minuten lang – die längste Rede zum Unabhängigkeitstag in der Geschichte des Landes.

Indiens Regierungschef ist ein Meister darin, Träume und Erwartungen zu wecken. Auch bei seiner großen Ansprache am Wochenende geizte er nicht mit Phantasie. Und doch: Seine Versprechungen fallen mittlerweile kleiner aus als bei seiner ersten Unabhängigkeitsrede im vergangenen Jahr. Statt der digitalen Revolution verspricht er jetzt erstmal Stromanschlüsse. Vor allem aber verlor er kein Wort über die vergangenen Wochen – denn die waren für den Regierungschef ein einziges Desaster.

Zwei große Reformen wollte er durch das Parlament bringen, zweimal er ist am Widerstand der Opposition gescheitert. „Die Sitzungsperiode hat sich zu einer weiteren riesigen Enttäuschung entwickelt“, kommentiert Shilan Shah, Indien-Ökonom bei dem Beratungsunternehmen Capital Economics. Mittlerweile ist so gut wie sicher: Modi wird sein Reformprogramm nicht wie erhofft durchziehen können.

Zwar war Modi nicht untätig: In seiner 15-monatigen Amtszeit hat er Treibstoff-Subventionen gestrichen und mehrere Branchen für Direktinvestitionen stärker geöffnet. Doch die großen „Big Bang”-Reformen, wie sie in Indien heißen, konnte er bisher nicht liefern. Die Wirtschaft kommt nach der jahrelangen Krise nur langsam wieder in Fahrt.

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  • Von verschiedenen Experten wurde Indien als größte Demokratie der Erde gepriesen und zugleich prognostiziert, daß der Subkontinent sehr bald China als Wachstumsmarkt überflügeln werde. Bei nüchterner Betrachtung ist davon nicht viel übrig geblieben. Zu tief ist Indien immer noch in seinem Kastenwesen verhaftet, das Problem der weiter fortschreitenden Überbevölkerung ist nicht annähernd gelöst und die allseits vorhandene Korruption erweist sich nach wie vor als große Bürde für ein weiteres Vorankommen des Landes. Hinzukommen religiöse wie ethnische Konflikte. Das sog. Potential des Landes wird wohl weiterhin deutlich hinter der Realität zurückbleiben.

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