Indien/Pakistan: Anschlag auf den „Friedenszug“

Indien/Pakistan
Anschlag auf den „Friedenszug“

Ein schwerer Terroranschlag schockt Inder und Pakistaner und zeigt die Zerbrechlichkeit der Friedensbemühungen zwischen ihren nuklear gerüsteten Nationen. Ziel war der „Verständigungs-Express“, ein Zug, der die Erzfeinde verbinden soll. Mindestens 66 Passagiere wurden von zwei Brandbomben in den Tod gerissen.

DELHI. Dutzende von Menschen wurden durch Rauch und Flammen schwer verletzt. Die meisten Opfer des Attentats auf indischer Seite sind Pakistaner, die auf der Rückreise von Verwandten in Indien waren. Wären auch drei weitere Bomben explodiert, wäre der Blutzoll noch viel höher ausgefallen.

Niemand bekannte sich zu dem Anschlag, dem ersten, der Inder und Pakistaner zusammen ins Visier nahm. In Frage kommen Hindu-Extremisten und radikale Moslems, wobei der Anfangsverdacht in Sicherheitskreisen stärker auf letztere fällt. Politiker beider Staaten vermieden vorschnelle Schlüsse. „Aber die Absicht ist klar“, meint Indiens Eisenbahnminister Lalu Prasad Yadav: „Sie wollen den Friedensprozess zum Entgleisen bringen.“

Dazu hatten die Drahtzieher ihr Timing gut gewählt - den Tag vor einem wichtigen Gipfel - aber auch ihr Ziel: Der „Friedenszug“ zwischen Delhi und Lahore ist ein Symbol für das Tauwetter, welches das Verhältnis zwischen den Erzfeinden merklich entfrostet hat. Nach einem Anschlag von Moslemextremisten auf das Parlament in Delhi stellte Indien die Verbindung 2001 ein. Ihre Wiederaufnahme 2004 markierte einen der ersten von vielen Trippelschritten, welche die bilateralen Beziehungen zunehmend von Konfrontation zu Dialog wenden.

Auf die Fortschritte der vergangenen drei Jahre will Pakistans Außenminister Khurshid Kasuri am Dienstag aufbauen. Er wird trotz des Anschlags planmäßig nach Delhi reisen, um den Friedensprozess um eine wichtige Komponente zu bereichern: Indien und Pakistan wollen einen institutionellen Rahmen schaffen für die gemeinsame Bekämpfung des Terrors. Sicherheitsexperten sehen darin einen wichtigen Schritt zur Überbrückung eines noch immer immensen Vertrauensdefizits, durch das der Friedensprozess rückschlaggefährdet bleibt. Das zeigte im Vorjahr eine Attentatserie auf Vorortzüge in Mumbai, dem früheren Bombay. Sie forderte 184 Opfer und warf den Dialog um Monate zurück. Indien hatte in alter Routine Pakistan beschuldigt, das wie immer jede Verantwortung von sich wies.

Analysten ermutigt, dass der jüngste Anschlag noch keine solchen Reflexe provoziert. „Beide Seiten sind verwundbar für Terrorismus und müssen der Bedrohung gemeinsam widerstehen“, meint Dipankar Banerjee, ein Friedensforscher in Delhi. Dies ist jedoch nicht Indiens offizielle Linie. Das Land beschuldigt seinen Nachbarn, Terroristen Rückendeckung zu gewähren und verlangt einen Rückgang von Attentaten als Bedingung für Zugeständnisse.

Vor diesem Hintergrund schlug Pakistan am Montag demonstrativ einen milden Ton an und ging auch über Sicherheitslücken auf indischer Seite hinweg, die von den Medien schnell ausgemacht waren. „Solche Terrorakte stärken nur unseren Entschluss, einen dauerhaften Frieden zwischen unseren Ländern zu erreichen“, erklärte Präsident Pervez Musharraf. Sein Außenminister Kasuri forderte Indien auf, den Dialog jetzt noch entschiedener voran zu treiben, um so die Absichten der Terroristen zu durchkreuzen. Indiens Premier Manmohan Singh drückte „Schock und Trauer“ aus und versprach, die Täter zu fassen.

Zunächst werden allerdings die Sicherheitsvorkehrungen in Delhi massiv verstärkt. Schließlich weiß niemand, wie viele Terrorakte der Friedensprozess verkraftet, bis Hardliner Oberwasser bekommen. Bislang allerdings steuern Pragmatiker auf beiden Seiten die Länder behutsam auf einander zu. „Hinter den Kulissen machen selbst die Gespräche über Kaschmir deutliche Fortschritte“, meint der Außenpolitikexperte C. Raja Mohan, „erstmals ist eine Lösung in Reichweite.“

Der Streit über die geteilte, mehrheitliche moslemische und von beiden Nationen beanspruchte Himalaja-Region war Anlass mehrerer Kriege und bildet die größte Hürde für Frieden. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet könnten engere Verflechtungen bevorstehen: Pakistan erklärte am Montag, die Einigung über eine lange geplante „Friedenspipeline“ sei nahe: Sie soll iranisches Erdgas über sein Territorium nach Indien bringen und würde die Rivalen zu Sicherheitskooperation zwingen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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