Indien will Beweise vorlegen
Bombay-Terror macht Entspannung zunichte

Die Anschlagserie in der Finanzmetropole Bombay stellt die Aussöhnung Indiens mit dem früheren Erzfeind Pakistan auf eine harte Probe. Nach indischen Angaben gehörten alle zehn Täter der in Pakistan ansässigen Extremistenorganisation Lashkar-e-Taib an.

NEU DELHI. Die Attentäter hätten über ein Satellitentelefon und fünf Blackberries verfügt, sagte R. R. Patil, Innenminister der Provinz Maharashtra: „Die Terroristen haben kontinuierlich Anweisungen aus dem Ausland bekommen.“ Auf Nachfragen antwortete er: „Wir alle wissen, welches Land gemeint ist.“

Delhi versprach, bald Beweise vorzulegen, und forderte von Pakistan eine komplette Zerstörung der Terror-Infrastruktur in dem Land. Premier Manmohan Singh drohte allen Ländern mit ernsten Konsequenzen, die zulassen, dass von ihrem Territorium Terror ausgeht. Lashkar-e-Taib kämpft für eine Abspaltung Kaschmirs von Indien und wird unter anderem für einen Anschlag auf das indische Parlament im Dezember 2001 verantwortlich gemacht, der beinahe zu einem Krieg zwischen Indien und Pakistan geführt hätte. Die Terrorgruppe operiert im Grenzgebiet, in dem Pakistans Regierung kaum über Autorität verfügt. Berichte, ein Teil der Attentäter habe die britische Staatsbürgerschaft, wurden gestern von der Regierung in London dementiert.

Vor fünf Jahren hatten die alten Streithähne Indien und Pakistan einen Friedensprozess begonnen, der kleine Fortschritte brachte. Erst vor einer Woche hatte Pakistans Präsident Asif Zardari Hoffnung auf neue Dynamik geschürt: Er unterstrich die Bereitschaft zur Abkehr von seiner nuklearen Erstschlagsdoktrin und schlug einen nuklearen Nichtangriffspakt sowie eine Wirtschaftsunion vor. Nach dem Angriff auf Bombay zeigte sich Zardari solidarisch: „Ich bin geschockt, ich bin verletzt, ich blute. Ich stehe zum indischen Volk und zur indischen Führung“, sagte er in einem emotionalen TV-Interview. Falls Indien Beweise liefere, werde er gegen jede Gruppe hart vorgehen.

In einem Telefonat warnte Zardari Singh aber vor Überreaktionen: „Nichtstaatliche Akteure wollen unseren Regierungen ihre Agenda aufzwingen. Sie dürfen keinen Erfolg haben.“ Politiker in Islamabad warnten vor einer Eskalation der Lage. In diesem Falle sehe sich Pakistan gezwungen, Truppen aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan an die indische Grenze zu verlegen. Dies würde westlichen Truppen in Afghanistan schwer schaden.

In Indien löste die Tatsache, dass die Sicherheitskräfte fast 60 Stunden brauchten, um die zehn Attentäter zu stoppen, eine schwere Vertrauenskrise aus. Nach scharfer Kritik am Krisenmanagement traten der Innenminister und der Nationale Sicherheitsberater zurück. Trotz der Finanzkrise ernannte Singh Finanzminister Palaniappan Chidambaram zum Nachfolger. Das Finanzressort übernimmt er selbst. Damit wird Singh vorübergehend selbst versuchen, die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens aus den Untiefen der weltweiten Konjunkturflaute zu steuern.

Zuvor war heftige Kritik am Krisenmanagement und dem Versagen der Geheimdienste laut geworden. „Unsere Politiker trödeln herum, während Unschuldige sterben“, hieß es auf der Titelseite der „Times of India“. Zwar halten sich in Bombay nach wie vor Gerüchte, dass ein Teil der Attentäter unerkannt entkommen konnte, doch dafür gibt es keinerlei Belege. Augenzeugen berichteten, die Sicherheitskräfte hätten die Terroristen zunächst völlig unbehelligt gelassen.

Der Opposition reicht der Rücktritt von Innenminister Shivraj Patil, einem engen Vertrauten von Kongress-Partei-Chefin Sonia Gandhi, nicht aus. Die Anschläge seien auf „kollektives Versagen“ der von der Kongresspartei geführten Regierung zurückzuführen, daher müsse diese geschlossen zurücktreten, forderte ein Sprecher der hindu-nationalistischen BJP. Angeprangert werden auch schleppende Entscheidungsprozesse und taktische Fehler beim Antiterroreinsatz sowie Organisationswirrwarr, Kompetenzgerangel und Ausstattungsmängel der Sicherheitsdienste.

Die Regierung kündigte eine Verschärfung ihrer Sicherheitsvorkehrungen an. „Wir werden unsere Geheimdienste wie in Kriegszeiten in Bereitschaft versetzen, wir werden die Bundesstaaten bitten, die Sicherheitsmaßnahmen wie in Kriegszeiten zu verstärken“, sagte der zuständige Minister Sriprakash Jaiswal. Doch vor den bald anstehenden Parlamentswahlen sehen Beobachter kaum Chancen auf einen parteiübergreifenden Konsens für eine effektivere Antiterrorbekämpfung.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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