Indiens Kongresspartei
Warten auf den Kronprinzen

In Indien hat die Kongresspartei die Wahl klar gewonnen. Alter und neuer Premierminister wird der 76-Jährige Manmohan Singh. Doch für Journalisten und Anhänger der Partei ist diese Personalie nebensächlich. Weitaus wichtiger ist die Frage, ob der als Kronprinz gehandelte Rahul Gandhi einen Posten im Kabinett bekleiden wird.

NEU-DELHI. Zur Feier eines großartigen Wahlsiegs erhält die Presse ausnahmsweise Einlass in das Zentrum der Macht. Janpath, Hausnummer 10, ein prächtiger Kolonialbau mit weitläufigem Park im Herzen Neu Delhis. Sonia Gandhi wohnt hier, die unumschränkte Herrscherin der Kongresspartei, Witwe des 1991 ermordeten Premierministers Rajiv Gandhi. In rotem Sari tritt sie aus dem Haus. Neben ihr Manmohan Singh, der alte – und soviel ist zu diesem Zeitpunkt schon klar – auch neue Premierminister Indiens. 262 Abgeordnete werden Gandhis Partei und ihre Bündnispartner in das frisch gewählte Parlament entsenden. Das ist beinahe die absolute Mehrheit. Niemand in Indien hat einen Sieg in dieser Höhe erwartet, nicht einmal die kühnsten Optimisten in der Kongresspartei.

Sonia Gandhi schiebt Singh vor die Mikrophone der wartenden Journalisten. Er ist der Wahlsieger, er soll das erste Wort haben. „Das indische Volk hat gesprochen, mit großer Klarheit hat es gesprochen“, sagt Singh mit leiser, hoher Stimme. Die Journalisten aber wollen ganz anderes wissen. „Wird Rahul Mitglied des Kabinetts?“, rufen sie. Rahul Gandhi, 38, ist der Sohn von Parteichefin Sonia und nach einhelliger Meinung der indischen Medien auserkoren, in absehbarer Zukunft den 76-jährigen Singh als Regierungschef zu beerben.

Man sieht an Sonia Gandhis Miene, dass sie die Frage nicht sonderlich goutiert. Aber nach dem Verlauf dieses Wahlkampfs drängt sie sich in einer Weise auf, dass es unmöglich ist, sie nicht zu stellen. Denn Rahul, dem lange nachgesagt wurde, er lehne die Rolle des Kronprinzen der Gandhi-Nehru-Dynastie ab, hat sich in den vergangenen Wochen selbst ins Zentrum der indischen Politik gerückt. Er wurde zum Zugpferd der Kongresspartei, absolvierte mehr Kundgebungen als die Parteichefin und der Premierminister zusammen. Und er bestimmte entscheidend die Wahlkampfstrategie der Kongresspartei, in wichtigen Bundesstaaten ohne Bündnispartner in die Schlacht zu ziehen.

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