International
Indiens Wirtschaft startet durch

Der Bundeskanzler ist nicht zufrieden: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland „kann und muss noch besser werden“, sagte Gerhard Schröder am Montag in seiner Rede zur Eröffnung der Asien-Pazifik-Wochen in Berlin, wo Indien in diesem Jahr im Mittelpunkt steht. Schließlich investiert die deutsche Industrie derzeit weniger in Indien als in den 90er-Jahren.

NEU DELHI. Dabei prophezeien Volkswirte dem Land riesiges Potenzial: „Indien wird die nächste große Investitionsstory unter den Schwellenländern“, betont Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Asien. Der Subkontinent avanciere für Investoren zu einer ernst zu nehmenden Alternative zu China, sind auch andere Experten überzeugt – schließlich ebben die Spannungen mit dem Nachbarland Pakistan ab und die Aussichten für die indische Wirtschaft hellen sich auf. In den kommenden fünf Jahren dürften sich die ausländischen Direktinvestitionen daher verdoppeln, erwartet Spencer. „Nur Indien kann bei Arbeitskosten und Binnenmarktpotenzial mit China mithalten.“

Noch steht Indien allerdings eindeutig im Schatten der Volksrepublik China: Im Vorjahr hat Indien nur 4 Mrd. US-Dollar Auslandsinvestitionen angezogen, weniger als ein Zehntel von China. „Die deutschen Direktinvestitionen sind deutlich zurückgegangen“, berichtet Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer in Bombay. Inzwischen verdichten sich aber die Anzeichen für eine Trendwende. So nimmt der Zustrom der ausländischen Venture-Capital- Gelder nach Indien derzeit dramatisch zu. Seit Juli flossen rund 300 Mill. US-Dollar ins Land – drei Mal mehr als in den ersten sechs Monaten zusammen, meldet die britische Wagniskapitalgesellschaft CDC Group. Sie erklärt das Plus vor allem damit, dass sich die Aussichten für die indische Wirtschaft verbessert haben. Im laufenden Fiskaljahr 2003 dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt allen Prognosen zufolge um mehr als 6 % zunehmen.

„Das Land hat Riesenschritte nach vorn gemacht: das Investitionsklima ist gut und die Reformen werden weiter gehen“,betont Kammerchef Steinrücke. In Zukunft dürften daher wieder mehr deutsche Investoren nach Indien kommen. Der derzeitige Rückgang der deutschen Direktinvestitionen nach Indien sei kein Zeichen dafür, dass das Interesse generell schwinde, betont er. „Viele Deutsche verdienen hier sehr gut und reinvestieren ihre Erträge.“ Diese Gelder gehen nicht in die Statistiken ein. Zudem habe die Sars-Krise in Ostasien unter Investoren ein Umdenken zugunsten Indiens verursacht: „Vielen ist bewusst geworden, dass es gefährlich ist, alles auf die China- Karte zu setzen.“ Neben der IT-Branche sieht er vor allem im Bereich Autozulieferer, Medizintechnik, Pharma, Chemie, Luftfahrt und Infrastruktur reges deutsches Interesse an Indien.

Trotz all dieser Hoffnungszeichen appellieren Weltbank und Internationaler Währungsfonds an die indische Regierung, bei den Strukturreformen das Tempo zu erhöhen – sonst könne das Wirtschaftswachstum bald wieder auf unter 5 % fallen. Skeptiker bezweifeln allerdings, ob Neu Delhis Politiker angesichts der 2004 bevorstehenden Parlamentswahlen den Willen zu einschneidenden Liberalisierungsschritten aufbringen.

Indiens Privatisierungsminister Arun Shourie, der derzeit in Berlin die Werbetrommel für sein Land rührt, verspricht hingegen im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Die Reformen werden weitergehen. Sie sind kein Wahlkampfthema.“ Als zentrale Herausforderung für die Zukunft sieht er institutionelle Reformen, die administrative Hürden für Investitionen beseitigen. Zum Beispiel müssten Entscheidungsprozesse schlanker werden, um eine schnellere Umsetzung von Projekten zu erlauben. „In drei bis vier Jahren werden lange unabhängig von einander vorangetriebene Reformen eine kritische Masse erreichen und sich gegenseitig verstärken“, glaubt der Minister. „Das wird bei Wachstum und Investitionen einen Qualitätssprung auslösen“.

Doch trotz einiger Fortschritte in den vergangenen Jahren leidet das Land unter schlechter Infrastruktur, einem rigiden Arbeitsrecht, einer schwerfälligen Bürokratie und nicht zuletzt unter einem Image-Poblem: Armut, Terror, Naturkatastrophen und blutige ethnische Auseinandersetzungen bestimmen Indiens Bild in den internationalen Medien. Um das zu ändern, will die Regierung im Herbst in Europa eine große Standort-Kampagne starten.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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