Indonesien Islamisten auf dem Vormarsch

Vor der Gouverneurswahl in Jakarta fordern Islamisten die Abwahl des christlichen Amtsinhabers. Ihrer Meinung nach dürfen nur Muslime politisch Verantwortung übernehmen. Auch Präsident Jokowi ist im Visier der Radikalen.
Update: 14.02.2017 - 00:30 Uhr 1 Kommentar
Muslime in Indonesien fordern dazu auf, bei den landesweiten Distriktwahlen in der kommende Woche für muslimische Kandidaten zu stimmen. Derzeit gibt es einen Gerichtsprozess gegen den christlichen Gouverneur in Jakarta, Ahok, wegen Blasphemie. Quelle: dpa
Indonesien

Muslime in Indonesien fordern dazu auf, bei den landesweiten Distriktwahlen in der kommende Woche für muslimische Kandidaten zu stimmen. Derzeit gibt es einen Gerichtsprozess gegen den christlichen Gouverneur in Jakarta, Ahok, wegen Blasphemie.

(Foto: dpa)

JakartaMit dunklen Plastiksandalen stapft Dharma Diani über die Trümmer, die früher ihr Zuhause waren. Ihr Haus stand in einem Armenviertel im Norden der indonesischen Hauptstadt. Doch im April vergangenen Jahres wurde es zerstört – auf Anweisung von Jakartas Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama, der in den vergangenen Jahren Tausende Slumbewohner vertrieb und dafür die Verschönerung der Stadt und den Hochwasserschutz als Gründe angab. „Mein Gouverneur hat mich im Stich gelassen“, sagt Diani, die ein langes türkises Kopftuch trägt und seit dem Abriss in einer Notunterkunft lebt. Von den Behörden habe sie keine Entschädigung erhalten. Dafür kamen Vertreter der Islamischen Verteidigungsfront – einer radikalen Islamistenorganisation, die unter dem Kürzel FPI bekannt ist – und verteilten Nahrungsmittel und Matratzen unter den Vertriebenen.

Nicht nur bei den Slumbewohnern sehen sich islamische Hardliner in Indonesien im Aufwind. In dem bevölkerungsreichsten mehrheitlich muslimischen Land der Welt, das bislang für seine gemäßigte Auslegung des Islam bekannt war, soll ihrer Meinung nach künftig die Scharia gelten. Mit Massenkundgebungen in der Hauptstadt ringen die Radikalen um politischen Einfluss. Sie haben ein klares Feindbild: Jakartas christlichen Gouverneur, der sich bei den Lokalwahlen am Mittwoch um eine weitere Amtszeit bewirbt und als enger Verbündeter von Präsident Joko Widodo gilt.

Mehr als 100.000 Menschen – darunter viele FPI-Anhänger – versammelten sich am Wochenende vor der Istiqlal-Moschee, dem größten islamischen Gotteshaus Südostasiens, im Zentrum Jakartas und forderten unverhohlen, Religion zu einem entscheidenden politischen Auswahlkriterium zu machen. Einer der Veranstalter der Kundgebung, die offiziell als gemeinsames Gebet präsentiert wurde, ließ die Teilnehmer schwören, Allah und den Islam mit ihrem Leben zu verteidigen. „Mein Anführer soll ein Muslim sein“, war auf Kundgebungspostern zu lesen. Auf anderen stand: „Ungläubige zu wählen, ist verboten.“

Dass Gouverneur Purnama, der meistens bei seinem Spitznamen Ahok genannt wird, damit gemeint ist, ist offensichtlich. Der chinesisch-stämmige Politiker rückte vor zweieinhalb Jahren in die Spitzenposition der rund zehn Millionen Einwohner großen Metropole auf, als sein Vorgänger Widodo in den Präsidentenpalast einzog. Die Mittelschicht schätzt ihn für Verbesserung im Nahverkehr und bei der Müllbeseitigung. Er machte sich aber auch unbeliebt – nicht nur bei den Slumbewohnern: Im September bezeichnete er es als Lüge, dass der Koran Muslimen verbiete Nicht-Muslime zu wählen. Daraufhin startete eine islamistische Empörungswelle, die in zwei Großdemonstrationen und einer Blasphemie-Anklage gegen Ahok gipfelte. Das Verfahren wegen der angeblichen Koranbeleidigung läuft noch. Im Fall einer Verurteilung droht dem Politiker eine mehrjährige Gefängnisstrafe – selbst wenn er die Wahl am Mittwoch gewinnen sollte.

Doch die Islamisten nehmen nicht nur ihn ins Visier. Sie wollen auch die Karriere des  Präsidenten stoppen, der Jokowi genannt wird und Ahoks politischen Aufstieg erst ermöglichte. „Weil Jokowi so beliebt ist, sind die Proteste womöglich die letzte Gelegenheit seiner Gegner, sich vor den Präsidentschaftswahlen 2019 ins Spiel zu bringen“, kommentierte der ehemalige Regierungssprecher Wimar Witoelar. „Den Islamisten geht es nicht nur darum, einen nicht-muslimischen Gouverneur zu verhindern, sondern um einen Richtungswandel“, sagt Moritz Kleine-Brockhoff, der das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Jakarta leitet. „Sie wollen das pluralistische Indonesien ändern, und letztlich wollen sie einen islamischen Staat samt Scharia.“

Jokowi sei für die Islamisten der politische Gegner, sagt Kleine-Brockhoff. Die Forderung nach der Absetzung des Präsidenten, sei zwar derzeit eine Nischenmeinung. Dennoch ist aus seiner Sicht klar: „Die gesellschaftliche Islamisierung Indonesiens schreitet voran.“ Viele Politiker aller Parteien glaubten, es sei opportun, islamisch zu erscheinen. „Denn auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung keinen islamischen Staat möchte – es gibt einen starken Trend, sich im Alltag immer frommer zu geben.“

Die größten Krisenherde der Welt
Syrien
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Der Syrien-Krieg ist der wohl schlimmste Konflikt der Gegenwart. Eine friedliche Lösung ist noch nicht in Sicht. Die Unruhen haben im Frühjahr 2011 mit Protesten gegen den Staatspräsidenten Assad begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstranten wehrten sich gegen die Unterdrückung durch das Regime und forderten mehr Freiheit. Seitdem kämpfen Anhänger der Regierung, die Opposition und auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ um die Macht im Land. Mittlerweile sind bei dem Konflikt schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Knapp zwölf Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Irak
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Die Terrormiliz Islamischer (IS) Staat hat immer noch Teile des Irak unter ihrer Kontrolle. Die Befreiung des Landes vom IS ist laut dem dortigen UN-Gesandten Jan Kubis allerdings nicht mehr weit entfernt. Militäreinsätze gegen den IS würden „in der eher nahen absehbaren Zukunft“ zu einem Ende kommen, sagte Kubis vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Die Tage der Terrororganisation seien gezählt. Das Land ist seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 destabilisiert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass alleine im vergangenen Jahr knapp 7000 Zivilisten durch den Krieg ums Leben gekommen sind. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

Afghanistan
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Im Jahr 2001 sind die USA in das Land einmarschiert, um das Terrornetzwerk Al-Kaida auszulöschen und die Taliban von der Macht zu vertreiben. Doch die beiden Gruppen töten weiter. Afghanistan steckt immer noch tief in der Krise. Mit rund 11.500 Toten und Verletzten hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 3498 Zivilisten getötet und 7920 verletzt worden. Das sind etwas mehr als im Vorjahr. Unter anderem haben die Anschläge der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) deutlich zugenommen: Die Opferzahl durch IS-Angriffe hat sich im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht. Insgesamt gingen 61 Prozent der zivilen Opfer den Vereinten Nationen (UN) zufolge auf regierungsfeindliche Gruppen, wie die radikalislamischen Taliban und den IS zurück. Laut UN gab es zunehmend Selbstmordattentate etwa in Moscheen.

Ukraine
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Die Ostukraine erlebt derzeit die schwersten Gefechte seit Monaten. Innerhalb einer Woche sind in den Reihen der Regierungstruppen und der prorussischen Separatisten jeweils mehr als 15 Kämpfer getötet worden. Manche Beobachter sehen die Schuld bei Russland. Mit einer gezielten Eskalation durch die moskautreuen Separatisten wolle Russland die Reaktion der neuen US-Regierung testen, heißt es. Andere machen die Ukraine verantwortlich. Kiew wolle die Aufmerksamkeit des Westens wieder auf den Konflikt lenken und zudem eine mögliche Lockerung der westlichen Sanktionen gegen Russland verhindern, heißt es. Seit Beginn der Aufstände im Jahr 2014 sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens knapp 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

Nigeria
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Die Islamistengruppe Boko Haram sorgt in Nigeria seit dem Jahr 2011 für Terror. Ihr Ziel ist es, einen eigenen Islamischen Staat zu gründen, dazu ermordet sie Christen und Muslime. Militärisch hat Nigeria die Boko Haram zurückgedrängt. Doch die sunnitschen Extremisten führen immer noch Anschläge im Nordosten des Landes aus. Mehr als zwei Millionen Nigerianer sind vor der Gewalt geflohen und leben in Flüchtlingslagern, wie zum Beispiel hier in Maiduguri. Im Nordosten des Landes sind den Vereinten Nationen zufolge fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, rund zwei Millionen von ihnen gelten bereits als mangelernährt.

Mali
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er Norden Malis und die angrenzenden Gebiete der Sahelzone sind ein Rückzugsgebiet für Rebellen und islamistische Terroristen. Seit dem Sturz der Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré im März 2012 herrscht Chaos im Land. Neben Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) sind die Terrorgruppen Ansar Dine und Al Mourabitoun in dem Land aktiv. Die Islamisten zwingen der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Städten eine fundamentalistische Form der Scharia auf. Zuletzt gab es auch vermehrt Anschläge im Zentrum des Landes. Zuletzt sind am 18. Januar mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 15.000 UN-Blauhelmsoldaten und Polizisten bemühen sich um eine Stabilisierung des Landes. Deutschland beteiligt sich mit rund 500 Bundeswehrsoldaten an dem Einsatz - bald sogar mit bis zu 1000 Soldaten.

Südsudan
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Die jüngste Nation der Welt steht auf der Kippe. Das Land stürzte Ende 2013 in einen blutigen Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stehen die Anhänger von Präsident Salva Kiir, auf der anderen die seines früheren Stellvertreters Riek Machar. Der Streit hat auch eine ethnische Komponente. Die beiden Männer gehören den beiden größten Volkgruppen des Landes, den Dinka und den Nuer, an. Die Vereinten Nationen warnen vor einem Völkermord. Etwa 13.000 Blauhelmsoldaten bemühen sich um eine Stabilisierung des ostafrikanischen Landes, die Entsendung von weiteren 4000 ist schon beschlossen. Der Ende 2013 ausgebrochene Konflikt hat Zehntausende Menschenleben gefordert; knapp drei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der Gewalt. Nach UN-Angaben haben rund 4,8 Millionen Menschen - also etwa jeder dritte Südsudanese - nicht genug zu essen.

Die Entwicklung zeigt sich bislang vor allem außerhalb der Hauptstadt: In der autonomen Provinz Aceh, die an der Nordwestspitze der Insel Sumatra liegt, gelten seit anderthalb Jahren besonders strenge Vorschriften nach dem Scharia-Strafrecht. Nach den religiös begründeten Regeln wird gleichgeschlechtlicher Sex mit bis zu 100 Stockhieben und bis zu 100 Monaten im Gefängnis bestraft. Für außerehelichen, heterosexuellen Geschlechtsverkehr drohen ebenfalls 100 Stockhiebe. Im vergangenen Jahr zählte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch 339 Fälle, in denen Menschen von den Scharia-Wächtern mit dem Rohrstock ausgepeitscht wurden.

Auch in anderen Provinzen versuchen radikale Muslime, ihre gesellschaftlichen Vorstellungen mit Zwang durchzusetzen. Restaurant-Betreiber werden unter Druck gesetzt, während des Fastenmonats Ramadan tagsüber zu schließen. FPI-Anhänger stürmten kürzlich Supermärkte und Einkaufszentren, um sie vom Verkauf von Weihnachtsdekoration abzuhalten. Ein landesweites Alkoholverbot, das die Bewegung bereits seit Jahren propagiert, soll in diesem Jahr in Jakartas Parlament diskutiert werden. „Der Fundamentalismus breitet sich Schritt für Schritt auf lokaler Ebene aus und könnte am Ende das ganze Land erfassen", kommentierte Sri Wiyanti Eddyono, Dozentin an der juristischen Fakultät von Yogyakarta. „Das kann passieren, wenn niemand versucht es zu stoppen.“

Präsident Widodo hat es bisher vermieden, sich offensiv gegen die Islamisten zu stellen. Im Dezember überraschte er sie sogar mit einem Besuch bei deren Kundgebung in Jakarta und seiner Teilnahme an einem gemeinsamen Gebet. In einer Rede bedankte er sich für die friedliche Veranstaltung. Der Auftritt sollte den wütenden Fundamentalisten den Wind aus den Segeln nehmen. Kritiker befürchten jedoch, Widodos pragmatischer Umgang mit der Bewegung verschaffe ihr Legitimation. Erneute Massenversammlungen wie am vergangenen Samstag zeigen: Geschwächt wurden die Islamisten durch den Präsidenten jedenfalls nicht.

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1 Kommentar zu "Indonesien: Islamisten auf dem Vormarsch"

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  • Nicht nur in Indonesien sind die Islamisten auf dem Vormarsch.

    Durch das was dort passiert, läßt sich erahnen was auf uns zukommt!

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