Inflationsspirale
Teure Rohstoffe stoppen Asien-Boom

Der hohe Ölpreis hat im rohstoffarmen Asien eine riskante Inflationsspirale in Gang gesetzt. Nach langem Zögern nehmen Politiker und Zentralbanker der Region nun den Kampf gegen die Inflation auf - aber sie riskieren soziale Unruhen und das starke Wachstum. Es stehen schwierige Zeiten bevor. Vor allem ein Beispiel zeigt deutlich, in welcher Zwickmühle die Länder stecken.

NEU-DELHI. Das "goldene Zeitalter von hohem Wachstum und niedriger Inflation in Asien ist beendet", sagt HSBC-Volkswirt Peter Morgan. Die Inflation sei längst zu einem Phänomen der Binnenwirtschaft geworden und ergreife alle Bereiche.

Diesen Trend bestätigen neue Prognosen der Asiatischen Entwicklungsbank ADB. Die Schwellenländer des Kontinents würden 2008 nur noch um sieben Prozent wachsen, sagte ADB-Präsident Haruhiko Kuroda gestern. Er korrigiert damit die Prognose um 0,6 Prozentpunkte nach unten. Im Vorjahr war die Region noch um 8,7 Prozent expandiert.

Die hohe Inflation bleibt aber nicht auf die Region begrenzt, sondern infiziert die gesamte Weltwirtschaft. Bislang hatte Südostasien mit seinen günstigen Produktionskosten bei vielen Produkten für sinkende Preise gesorgt, neben Textilien waren auch Computer in den letzten Jahren immer billiger geworden. "Die lange Periode, in der Asien Quelle sinkender Weltmarktpreise in vielen Produktkategorien war, ist vorüber", warnt Sanjeev Sanyal, Volkswirt der Deutschen Bank in Delhi.

Indien ist ein gutes Beispiel für die ökonomische Wirkungskette, die von den hohen Rohstoffpreisen ausgelöst wird. Gestern brachen in Delhi die Börsenkurse ein, nachdem die Zentralbank die Märkte mit einem unerwartet starken Zinsschritt um ein halbes Prozent geschockt hatte und weitere in Aussicht stellte. Aber den bedrängten Wirtschafts- und Finanzpolitikern blieb keine andere Wahl.

Offen begründete Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram die Zinssenkung mit dem Ziel, "die Nachfrage auf breiter Front zu dämpfen". Dem Land stünden "schwierige Zeiten" bevor. Indiens Teuerungsrate hatte sich seit Jahresanfang auf über elf Prozent verdreifacht, den höchsten Stand seit 13 Jahren. Ohne subventionierte Kraftstoffpreise läge zum Beispiel Indiens langfristige Inflationsrate noch drei Prozentpunkte höher als derzeit, schätzen UBS-Analysten.

Die Währungshüter reagieren spät, aber entschlossen. Bereits zweimal in diesem Monat hoben sie die Leitzinsen auf jetzt 8,5 Prozent an. So teuer war das Geld seit sechs Jahren nicht mehr. Dabei ist die Geldpolitik auf dem Kontinent immer noch relativ locker: Außer in Südkorea und Malaysia sind die Realzinsen in ganz Asien negativ.

Doch nun haben die Folgen der globalen Öl- und Nahrungsmittelhausse alle Schwellenländer aufgeschreckt. Zwar schlagen die stark steigenden Weltmarktpreise in Asien nur zeitverzögert durch, weil sich die meisten Regierungen hohe Subventionen für Energie und Nahrungsmittel leisten. Kritiker machen gerade diese Marktverzerrungen mit dafür verantwortlich, dass der seit Jahresanfang um 40 Prozent gestiegene Ölpreis nur wenig Auswirkungen auf die globale Nachfrage hat.

Doch je teurer das Öl wird, desto weniger können sich die Staaten Asiens diese Hilfen für ihre armen Bevölkerungsmehrheiten leisten. Anfang des Monats sah sich sogar Indiens Mitte-links-Regierung gezwungen, den Benzinpreis um elf Prozent zu erhöhen. Dabei muss das schnell wachsene Indien drei Viertel seines Ölbedarfs importieren. Auch Indonesien hat die Spritpreise kürzlich sogar um ein Drittel angehoben und will sie jeden Monat um weitere zwei Prozent erhöhen. In Malaysia waren es über 40 Prozent. China, die Philippinen und Sri Lanka riskierten ebenfalls den Volkszorn mit deutlichen Preissteigerungen. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. "Solange China und Indien ihre Ölsubventionen herunterfahren, wird die Inflation in Asien weiter steigen", sagt Joseph Tan, Stratege der Fortis Bank in Singapur.

"Indien hat keinen Spielraum mehr"

Indien zeigt deutlich, in welcher Zwickmühle die Politiker stecken. Einerseits belastet die Preisspirale die Popularität der populistischen Regierung und gefährdet die Wiederwahl von Premier Manmohan Singh bei den Parlamentswahlen Anfang 2009. Kommt die Teuerung nicht schnell unter Kontrolle, sind soziale Unruhen in Indien genauso wenig ausgeschlossen wie in anderen Schwellenländern. Denn am härtesten trifft sie die halbe Milliarde armer Inder, die weniger als zwei Dollar am Tag zum Leben haben.

Andererseits laufen die Staatshaushalte durch die Energiesubventionen aus dem Ruder: So warnt UBS, Indiens gesamtstaatliches Budgetdefizit werde auf acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochschnellen. Die Energiesubventionen fressen bereits 1,7 Prozent der Wirtschaftskraft. In Malaysia sind es sieben Prozent, in Indonesien fast drei.

"Indien hat keinen Spielraum mehr, weitere Ölpreisschübe abzufedern", sagt Deutsche-Bank-Volkswirt Sanyal. "Indien zahlt jetzt den Preis für eine jahrelange Reformblockade, die unnötige Angebotsengpässe geschaffen hat." Selbst bei konstanten Ölpreisen hätte das Land daher ein Inflationsproblem. Als Folge hoher und weiter steigender Zinsen erwartet Sanyal bis zum Jahresende einen merklichen Einbruch des Wirtschaftswachstums auf sieben Prozent, nach neun Prozent im Vorjahr.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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