Informationspolitik
Tokio packt Japaner in Watte

Comicfiguren erklären den Atomernstfall. Japans Regierung versucht, Chaos zu vermeiden. Das schafft Parallelen zu China. Ein Kommentar von Finn Mayer-Kuckuck.

Die Lage in Japan wirkt surreal. "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" - das galt nicht nur im alten Preußen, das ist die Realität im heutigen Nippon. Während nur wenige Hundert Kilometer nördlich von Tokio die Ruinen eines der weltweit größten Kernkraftwerke brennen, betont der Regierungssprecher unermüdlich: Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr. Die Medien machen mit. Sie bringen lieber eine optimistische Story von Seeleuten, die die Küstenwache gegen alle Wahrscheinlichkeit am sechsten Tag noch von ihrem kieloben treibenden Schiff retten konnte, anstatt dass ihre Metereologen vor der Ausbreitung radioaktiver Isotope mit dem Wind warnen.

Es ist traurig: Regierung und Medien vertrauen nicht darauf, dass die Japaner auch angesichts der harten Wahrheit diszipliniert bleiben. Sie packen die Öffentlichkeit in Watte. Während ziemlich sicher ist, dass in den kommenden Tagen eine radioaktive Wolke auf Tokio zuzieht, senden die offiziellen Stellen - und selbst private Fernsehsender - noch überwiegend beruhigende Signale aus. Da stellt sich die Frage, was eigentlich passiert, wenn die Öffentlichkeit den offiziellen Verlautbarungen nicht mehr glaubt.

Während der akuten Phase der Krise kann die Elite mit dem Zusammenhalt der japanischen Gesellschaft rechnen. Alle Japaner sind fest davon überzeugt, in schweren Stunden zusammenhalten zu müssen. Für die Bewohner der Megametropole Tokio bedeutet das, an eine Flucht vor der Strahlenwolke nicht einmal zu denken. Diese Haltung ist für Deutsche schwer zu verstehen, erklärt sich aber auch aus den Informationen, die die Bürger erreichen.

In der Nähe von Tokio messen die Umweltämter bereits das Siebenfache der natürlichen Strahlung. Das könnten die Medien jetzt als Alarmzeichen und Warnung für das nehmen, was erst passiert, wenn eines der Druckgefäße an dem Katastrophenreaktor wirklich platzt. Doch stattdessen erklärt der Fernsehmoderator geduldig, dass die Belastung immer noch vollkommen vernachlässigbar sei.

Es wirkt entlarvend, dass kurz darauf im selben Programm eine kurze Sendung zu dem Thema läuft, wie sich Menschen in einer Fallout-Zone vor radioaktiven Isotopen schützen können: Haustür zu, Regenjacke an, Atemmaske auf, Flaschenwasser trinken - so lauten die Ratschläge. Doch die Aufmachung des mehrfach wiederholten Beitrags wirkt skurril: Er wird von einer fröhlichen Melodie eingeleitet und erklärt die Maßregeln mit niedlichen Comicfiguren. Strahlenkunde erscheint hier nicht mehr als wichtige Vorbereitung, um in den kommenden Tagen seine Gesundheit zu schützen, sondern eher als Spiel. So geht Japan mit vielen ernsten Themen um. Aber hier sind die Manga-Figuren nun wirklich fehl am Platz.

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