Initiative 1:12 in der Schweiz
Staatlicher Deckel gegen Gehalt-Exzesse

Die Schweiz stimmt am Sonntag über eine Begrenzung für Gehälter in Unternehmen ab. Darin sehen Befürworter eine demokratische Antwort auf die Abzocker-Löhne – andere fürchten den „Beginn eines staatlichen Lohndiktats“.
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Zürich„1:12“ lautet die knackige Forderung, die derzeit überall in den Innenstädten von Zürich, Luzern, Bern auf Plakaten prangt. Nach der Initiative der Schweizer Jung-Sozialisten soll niemand in einem Unternehmen mehr als das Zwölffache verdienen dürfen, was der am schlechtesten Bezahlte bekommt. An diesem Sonntag stimmen die Eidgenossen über diese Verfassungsregel ab – sie würde die Lohnfestsetzung in weltweit einmaliger Weise ändern.

Schon im Frühjahr hat eine Volksabstimmung weltweite Strahlkraft entwickelt: Im März nahmen die Schweizer mit zwei Drittel Mehrheit die so genannte „Abzocker-Initiative“ an, der zufolge die Managerlöhne künftig zwingend von den Aktionären auf der Hauptversammlung genehmigt werden müssen.

Selbst die deutsche Bundesregierung ließ sich von der Abzocker-Initiative inspirieren und legte einen Gesetzesentwurf vor, dem zufolge ebenfalls künftig die Aktionäre zwingend über die Vergütung abstimmen sollen. Zunächst stoppten die Sozialdemokraten das Vorhaben im Bundesrat; jetzt haben sie eine Kehrtwende vollzogen und wollen das Vorhaben in der Großen Koalition wieder beleben.

Den Schweizer Jungsozialisten reicht die Aktionärsabstimmung aber nicht. „Uns geht es um echte Demokratie, und nicht um Aktionärsdemokratie“, sagt Marco Kistler, der bei den Jungsozialisten die 1:12-Initiative mit aus der Taufe gehoben hat.

Mitte November in Meilen, einem Vorort Zürichs an der Goldküste. Draußen flirtet das Thermometer mit der Null-Linie. Drinnen in der Schulaula erhitzen sich die Gemüter. An einem Montagabend sind rund 60 Bürger ins Schulzentrum gekommen, um mit Heinz Karrer, dem Präsidenten des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse, und 1:12-Erfinder Marco Kistler über den Lohndeckel zu diskutieren.

„Unsere Initiative ist die demokratische Antwort auf die Abzocker-Löhne“, eröffnet Kistler die Debatte. „Das wäre der Beginn eines staatlichen Lohndiktats“, hält ihm Heinz Karrer von Economiesuisse entgegen. Der Ton ist freundlich, jeder lässt den anderen ausreden, doch in der Sache schenken sich die Kontrahenten nichts.

Kommentare zu " Initiative 1:12 in der Schweiz: Staatlicher Deckel gegen Gehalt-Exzesse"

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  • manager sind auch nur angestellte
    wenn auch "wichtige"
    sie sollten auf keinen fall über ihr gehalt selbst bestimmen können
    ob 1:12 richtig ist weis ich nicht
    es würde aber die kraft des managers in richtige bahnen lenken
    die nicht nur das wohl und wehe der firma, sondern auch das der übrigen angestellten, die sich für die firma genauso "aufopfern" ins blickfeld bekommen.
    die mindestlohndebatte wäre nur noch bei abzockern notwendig

  • Ich glaube, es war in der Zeit, als Gerhard Schröder Vorsitzender der Jungsozialisten war. Damals forderten die Jusos, dass niemand mehr als 5000,- DM verdienen dürfe. Ich denke, mit Blick auf die Gehaltsentwicklung der letzten 40 Jahre braucht man über Weitsicht dieser Forderung eigentlich nichts mehr zu sagen. Alle, die Hurra schreien, wenn es an die Einkommen anderer geht, halten ihr eigenes Einkommen nicht für zu hoch, allenfalls für zu niedrig bemessen. Ein Aufschrei der Empörung ginge durch ihre Reihen, wenn andere ihr Gehalt kürzen wollten. Ich kann all den kleinen Neidern nur raten, bewerbt euch doch um solche Positionen, die eurer Meinung nach zu hoch bezahlt sind. Werdet doch Beamte, wenn die angeblich auf finanziellen Rosen gebettet sind. Man kann Demokratie auch übertreiben. Nicht alle Streitfragen können einer Mehrheitsentscheidung zugeführt werden. Und das ist prinzipiell das Problematische an Volksentscheiden. Es gab Zeiten, da nannte man das "gesundes Volksempfinden". Es kann und darf nicht sein, das die Mehrheiten den Minderheiten bis in den Privatbereich alles diktieren. Schon heute ist es in Deutschland doch so, dass die Mehrheit die Kapelle (z.B. Sozialleistungen) bestellt und die Minderheit (Besserverdienende) dazu verdonnert wird, gefälligst die Gage zu löhnen, ohne dass sie an der Partie teilnehmen dürfen. Niemand käme (noch nicht) auf die Idee, im Operationssaal mit Mehrheit der OP-Schwesterm dem Gehirnchirurgen vorzuschreiben, wo er das Skalpell anzusetzen hat. Niemand käme auf die Idee, die Monteure darüber abstimmen zu lassen, wie der Entwicklungsingenieur ein schwieriges technisches Problem lösen soll. Aber alle glauben, die volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines Lohn-und Gehaltsdiktats überschauen und damit auch darüber abstimmen zu können. Gott bewahre uns vor Demokraten, die eigentich nur kleine Diktatoren sein wollen!

  • Wenn die Initiatoren wirklich einen Deckel für Saläre etablieren möchten, darf man nicht 1:12 an die Angelegenheit herangehen. 1:30 wäre realistischer und würde vielleicht sogar beschlossen werden. Aber 1:12 ist einfach unrealistisch niedrig.

    Vielleicht ist die Initiative aber auch von Saboteuren unterwandert worden. Die haben denen dann den Floh mit 1:12 ins Ohr gesetzt.

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