Integrationsdynamik
Brasiliens Unternehmen erobern Südamerika

Die Länder Südamerikas arbeiten zusammen wie nie zuvor. Doch es sind nicht die Regierungen, die die Staaten einander näher bringen. Es ist die Wirtschaft, die zusammenwächst. Vor allem brasilianische Multis preschen vor.

SÃO PAULO. Offiziell waren "nur" 230 Unternehmer eingeschrieben, um den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva nach Argentinien auf Staatsvisite zu begleiten. Doch Anfang dieser Woche trafen dann mehr als 300 Wirtschaftsvertreter mit ihrem Präsidenten in Buenos Aires ein. Offizieller Anlass der Staatsvisite: Der brasilianische Präsident wollte sich mit seiner angeschlagenen Präsidentenkollegin Cristina Kirchner solidarisch zeigen, nachdem die nach dem viermonatigen Kräftemessen mit den Farmern eine empfindliche Schlappe hatte einstecken müssen.

Zudem sollte der Besuch nach den Meinungsdifferenzen zwischen Argentinien und Brasilien bei der WTO-Runde Einigkeit demonstrieren. "Nach der Frustration in Genf müssen wir uns doppelt anstrengen, unsere strategische Allianz auszubauen", sagte Lula.

Tatsächlich geschieht das bereits - und nicht nur mit Argentinien, sondern mit allen Staaten Südamerikas. Angesichts der wirtschaftlichen Erholung Südamerikas seit fünf Jahren hat in der Region eine Integrationsdynamik eingesetzt wie nie zuvor: Doch es sind weniger die Regierungen, welche die Staaten zusammenbringen. Es ist die Wirtschaft, die zusammenwächst.

Vor allem brasilianische Multis preschen vor, unterstützt und finanziert von der staatlichen Entwicklungsbank BNDES. Der starke Real fördert die Investitionen in den Nachbarländern zusätzlich. Am deutlichsten zeigt sich die Präsenz brasilianischer Konzerne in Argentinien: Von fünf Mrd. Dollar brasilianischer Auslandinvestitionen 2002 hat sich der Kapitalstock seitdem auf 15 Mrd. Dollar verdreifacht. In den Branchen Öl, Chemie, Stahl, Zement und Textil haben brasilianische Konzerne sich eingekauft. Aber auch bei der Lebensmittel- und Fleischproduktion und der Getränkeindustrie besitzen brasilianische Konzerne heute führende Positionen. Gleichzeitig hat sich der Handel zwischen den Staaten verfünffacht - weit mehr als der Handel des Rohstoffexporteurs Brasilien etwa mit China zugelegt hat.

Das gilt auch für Venezuela: Seit Präsident Hugo Chávez den lokalen Unternehmen das Leben schwer macht und immer mehr Branchen verstaatlicht, importiert das wegen seiner Ölvorkommen reiche Karibikland möglichst viel aus Brasilien: Von Kaugummi bis Milchpulver, Autos bis Computer - die brasilianischen Konzerne kommen fast nicht hinterher mit der Produktion. Venezuelas Vorliebe für brasilianische Produkte hat auch einen politischen Grund: Chávez will die Abhängigkeit von den Importen aus dem Nachbarland Kolumbien reduzieren, mit dem sich Venezuela regelmäßig streitet. Deswegen bauten in Venezuela auch vor allem brasilianische Baukonzerne U-Bahnen, Brücken und Straßen. Der staatlich kontrollierte Energieriese Petrobras exploriert dort Öl und Gas. Der Chemieriese Braskem will an der Karibik eine Raffinerie bauen.

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