Internationale Investoren haben die Chancen auf dem Subkontinent entdeckt
Die indische Alternative

Selbst spröde Volkswirte geraten neuerdings ins Schwärmen, wenn sie über Indien sprechen. Die Deutsche Bank entdeckt ein „Wachstumswunder“, Goldman Sachs wittert den „größten Überraschungserfolg“ unter großen Schwellenländern, und Stephen Roach betitelt seinen jüngsten Report mit „Indien erwacht“. Morgan Stanleys Chefvolkswirt war gerade zum ersten Mal in dem Land, aus dem fast ein Drittel aller Software-Ingenieure der Welt kommt – und ein Viertel aller unterernährten Menschen.

HB NEU-DELHI. „Was ich sah, hat mich umgehauen“, berichtet Roach. Er meint nicht die brüchigen Flughäfen oder den allgegenwärtigen Dreck, das Elend und die löchrigen Straßen. Roach ist überzeugt, dass das Aschenputtel unter Asiens Volkswirtschaften nach Jahren auf der Reformkriechspur die kritische Masse für eine schnellere Entwicklung erreicht habe – mit ähnlichen Folgen für die Weltwirtschaft wie der Aufstieg Chinas.

Der erfolgreiche Nachbar ist Indien wirtschaftlich Jahre voraus und hat dem Land lange die Schau gestohlen. Mit drei Milliarden Dollar erhielt Indien im Vorjahr weniger als ein Zehntel der Direktinvestitionen, die nach China flossen. Doch dort droht die Wirtschaft zu überhitzen, deshalb hinterfragen Beobachter inzwischen die Dauerhaftigkeit des China-Booms – und beurteilen Indien gnädiger. So sieht Morgan Stanleys Chefvolkswirt Roach in Indiens binnenmarktorientiertem und dienstleistungsgetriebenem Wachstumsmodell eine „aufregende Alternative“ zu dem auf Industrieproduktion und Exporten beruhenden ostasiatischen Modell. Die Citibank erwartet von Indien und China in den kommenden Jahren je 7,5 Prozent Wachstum. „Langfristig könnte Indien sogar eine größere Wachstumsstory werden als China“, glaubt Goldman-Analystin Roopa Purushothaman. Zwar müsse das Land zuvor seine marode Infrastruktur verbessern, mehr in Schulbildung investieren und seine protektionistischen Mauern niederreißen. Ansätze seien aber zu erkennen, sagt sie.

Im Schnitt wuchs Indien seit Beginn der Öffnungspolitik 1991 jedes Jahr um sechs Prozent. Im Vorjahr expandierte die Wirtschaft mit Hilfe eines guten Monsuns um 7,5 Prozent. Im vierten Quartal 2003 zog das Wachstum sogar auf mehr als zehn Prozent an. Diese Marke wird zwar eine Ausnahme bleiben, aber die Chancen auf ein weiterhin robustes Wachstum stehen gut: Europäische und amerikanische Unternehmen verlagern immer mehr Dienstleistungen nach Indien; Investitionen, Industrieproduktion und Exporte steigen, boomende Konsumentenkredite verhelfen der wachsenden Mittelschicht zu Autos, Häusern und Konsumgütern.

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