Internationale Kritik Türkische Truppen marschieren in Syrien ein

Nur einen Tag nach Beginn einer Militäroperation schickt die Türkei offenbar Bodentruppen nach Syrien. Präsident Erdogan will eine Kurdenmiliz „vernichten“. Mehrere Raketen gingen in der türkischen Grenzregion nieder.
Update: 22.01.2018 - 04:19 Uhr 2 Kommentare
Nachdem die Türkei am Samstag ihre Luftoffensive gegen kurdische Truppen in Nordsyrien begonnen hat, sind in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze Rauchwolken zu sehen. Quelle: dpa
Türkische Offensive in Nordsyrien

Nachdem die Türkei am Samstag ihre Luftoffensive gegen kurdische Truppen in Nordsyrien begonnen hat, sind in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze Rauchwolken zu sehen.

(Foto: dpa)

Istanbul, KairoNach Luftschlägen gegen kurdische Verbände im Nordwesten Syriens sind nach türkischen Angaben auch Bodentruppen nach Syrien eingerückt. Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA und dem Sender NTV am Sonntag vor türkischen Journalisten, die Armee habe die Grenze bei Kilis um 11.05 Uhr überschritten. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu rückten die Soldaten mit Unterstützung der Freien Syrischen Armee (FSA) vor. Die Straße zwischen Kilis und der syrischen Stadt Asas ist auf syrischer Seite in der Hand protürkischer Rebellen.

Angesichts der Militäroperation hat Frankreich eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats gefordert. Außenminister Jean-Yves Le Drian schrieb am Sonntag auf Twitter, er habe mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu gesprochen und einen umfassenden Waffenstillstand und bedingungslosen Zugang für humanitäre Hilfe gefordert. „Syrien: Ghouta, Idlib, Afrin – Frankreich fordert ein dringendes Treffen des UN-Sicherheitsrates“, schrieb Le Drian.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel äußerte sich besorgt über die türkische Militäroperation. „Die militärische Konfrontation zwischen der Türkei und kurdischen Einheiten bringt unkalkulierbare Risiken mit sich“, erklärte der SPD-Politiker am Sonntag. Beide Seiten hätten große Anstrengungen im Kampf gegen den Terror der radikalislamischen IS-Miliz unternommen und dabei große Opfer gebracht. Nach dem Erfolg gegen den IS brauche Syrien weitere Schritte hin zu Stabilität und Frieden. „Das Letzte, was Syrien braucht, sind weitere militärische Konfrontationen. Die Menschen dort leiden schon genug.“ Die Anstrengung aller müssten endlich darauf abzielen, auf politischer Ebene Fortschritte zu erzielen, erklärte Gabriel.

US-Außenminister Rex Tillerson hat sich besorgt über die Folgen der türkischen Offensive gezeigt. Vor allem die Situation unschuldiger Zivilisten gebe Anlass zur Sorge, hieß es in einer Mitteilung, die am Sonntag nach Gesprächen Tillersons mit seinen Amtskollegen in der Türkei und in Russland verbreitet wurde. Die Sicherheitsbedenken der Türkei seien ernst zu nehmen. Dennoch rufe man die Türkei dazu auf, ihre Militäroperationen zurückhaltend auszuüben und zivile Opfer zu vermeiden. Der Minister rufe alle Seiten auf, sich auf das Ziel des Kampfes gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS)zu konzentrieren.

Auch Ägypten und der Iran äußerten sich zur türkischen Offensive. Die amtliche iranische Nachrichtenagentur Irna berichtete am Sonntag, das Außenministerium sei besorgt angesichts der Entwicklungen in Afrin und beobachte die Lage genau. Ägypten sprach von einer Verletzung der syrischen Souveränität.

Ein Sprecher des iranischen Außenministeriums forderte die Türkei auf, die Offensive umgehend zu beenden. Die Krise in Afrin spiele möglicherweise terroristischen Gruppen in die Hände. Er bat die internationale Gemeinschaft und besonders die syrische Nachbarländer, sich weiter für eine friedliche Lösung einzusetzen.

Das ägyptische Außenministerium erklärte, die Operation der türkischen Truppen und ihrer syrischen Verbündeten in Afrin bringe die politischen Verhandlungen in Gefahr. Die Türkei will die syrisch-kurdische Miliz YPG aus Afrin vertreiben.

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Aus Syrien wurde eine weitere türkische Ortschaft beschossen. In Reyhanli, etwa zehn Kilometer von der Enklave Afrin entfernt, schlugen drei Raketen ein, wie Bürgermeister Huseyin Sanverdi dem Fernsehsender NTV sagte. Mindestens ein Mensch sei getötet worden, zahlreiche weitere hätten Verletzungen erlitten. Zuvor wurde bereits die Grenzstadt Kilis beschossen. Verletzt wurde dort niemand.

Die türkischen Streitkräfte werden nach den Worten von Präsident Recep Tayyip Erdogan die kurdische YPG-Miliz in Syrien vernichten. Deren Kämpfer könnten sich nicht auf die Hilfe der USA verlassen, um die Türkei zu besiegen, sagte Erdogan am Sonntag bei einer Veranstaltung seiner AK-Partei in Bursa. Die Kurdenorganisationen YPG, PKK und PYD würden fertiggemacht, bis nichts mehr von ihnen übrig sei.

Den Verbündeten der Türkei warf Erdogan vor, die YPG mit 2000 Flugzeugladungen und 5000 Lkw-Ladungen an Waffen versorgt zu haben. Dies war offenbar an die Adresse der USA gerichtet, die mit der YPG im Kampf gegen die Islamisten-Miliz IS verbündet sind. Die Türkei sieht in der Miliz einen Teil der als Terrororganisation verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK, die seit drei Jahrzehnten einen bewaffneten Aufstand im überwiegend kurdischen Südosten des Landes anführt.

Die größten Krisenherde der Welt
Syrien
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Der Syrien-Krieg ist der wohl schlimmste Konflikt der Gegenwart. Eine friedliche Lösung ist noch nicht in Sicht. Die Unruhen haben im Frühjahr 2011 mit Protesten gegen den Staatspräsidenten Assad begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstranten wehrten sich gegen die Unterdrückung durch das Regime und forderten mehr Freiheit. Seitdem kämpfen Anhänger der Regierung, die Opposition und auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ um die Macht im Land. Mittlerweile sind bei dem Konflikt schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Knapp zwölf Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Irak
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Die Terrormiliz Islamischer (IS) Staat hat immer noch Teile des Irak unter ihrer Kontrolle. Die Befreiung des Landes vom IS ist laut dem dortigen UN-Gesandten Jan Kubis allerdings nicht mehr weit entfernt. Militäreinsätze gegen den IS würden „in der eher nahen absehbaren Zukunft“ zu einem Ende kommen, sagte Kubis vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Die Tage der Terrororganisation seien gezählt. Das Land ist seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 destabilisiert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass alleine im vergangenen Jahr knapp 7000 Zivilisten durch den Krieg ums Leben gekommen sind. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

Afghanistan
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Im Jahr 2001 sind die USA in das Land einmarschiert, um das Terrornetzwerk Al-Kaida auszulöschen und die Taliban von der Macht zu vertreiben. Doch die beiden Gruppen töten weiter. Afghanistan steckt immer noch tief in der Krise. Mit rund 11.500 Toten und Verletzten hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 3498 Zivilisten getötet und 7920 verletzt worden. Das sind etwas mehr als im Vorjahr. Unter anderem haben die Anschläge der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) deutlich zugenommen: Die Opferzahl durch IS-Angriffe hat sich im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht. Insgesamt gingen 61 Prozent der zivilen Opfer den Vereinten Nationen (UN) zufolge auf regierungsfeindliche Gruppen, wie die radikalislamischen Taliban und den IS zurück. Laut UN gab es zunehmend Selbstmordattentate etwa in Moscheen.

Ukraine
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Die Ostukraine erlebt derzeit die schwersten Gefechte seit Monaten. Innerhalb einer Woche sind in den Reihen der Regierungstruppen und der prorussischen Separatisten jeweils mehr als 15 Kämpfer getötet worden. Manche Beobachter sehen die Schuld bei Russland. Mit einer gezielten Eskalation durch die moskautreuen Separatisten wolle Russland die Reaktion der neuen US-Regierung testen, heißt es. Andere machen die Ukraine verantwortlich. Kiew wolle die Aufmerksamkeit des Westens wieder auf den Konflikt lenken und zudem eine mögliche Lockerung der westlichen Sanktionen gegen Russland verhindern, heißt es. Seit Beginn der Aufstände im Jahr 2014 sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens knapp 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

Nigeria
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Die Islamistengruppe Boko Haram sorgt in Nigeria seit dem Jahr 2011 für Terror. Ihr Ziel ist es, einen eigenen Islamischen Staat zu gründen, dazu ermordet sie Christen und Muslime. Militärisch hat Nigeria die Boko Haram zurückgedrängt. Doch die sunnitschen Extremisten führen immer noch Anschläge im Nordosten des Landes aus. Mehr als zwei Millionen Nigerianer sind vor der Gewalt geflohen und leben in Flüchtlingslagern, wie zum Beispiel hier in Maiduguri. Im Nordosten des Landes sind den Vereinten Nationen zufolge fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, rund zwei Millionen von ihnen gelten bereits als mangelernährt.

Mali
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er Norden Malis und die angrenzenden Gebiete der Sahelzone sind ein Rückzugsgebiet für Rebellen und islamistische Terroristen. Seit dem Sturz der Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré im März 2012 herrscht Chaos im Land. Neben Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) sind die Terrorgruppen Ansar Dine und Al Mourabitoun in dem Land aktiv. Die Islamisten zwingen der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Städten eine fundamentalistische Form der Scharia auf. Zuletzt gab es auch vermehrt Anschläge im Zentrum des Landes. Zuletzt sind am 18. Januar mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 15.000 UN-Blauhelmsoldaten und Polizisten bemühen sich um eine Stabilisierung des Landes. Deutschland beteiligt sich mit rund 500 Bundeswehrsoldaten an dem Einsatz - bald sogar mit bis zu 1000 Soldaten.

Südsudan
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Die jüngste Nation der Welt steht auf der Kippe. Das Land stürzte Ende 2013 in einen blutigen Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stehen die Anhänger von Präsident Salva Kiir, auf der anderen die seines früheren Stellvertreters Riek Machar. Der Streit hat auch eine ethnische Komponente. Die beiden Männer gehören den beiden größten Volkgruppen des Landes, den Dinka und den Nuer, an. Die Vereinten Nationen warnen vor einem Völkermord. Etwa 13.000 Blauhelmsoldaten bemühen sich um eine Stabilisierung des ostafrikanischen Landes, die Entsendung von weiteren 4000 ist schon beschlossen. Der Ende 2013 ausgebrochene Konflikt hat Zehntausende Menschenleben gefordert; knapp drei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der Gewalt. Nach UN-Angaben haben rund 4,8 Millionen Menschen - also etwa jeder dritte Südsudanese - nicht genug zu essen.

Die Türkei hatte am Samstag mit Luftschlägen eine groß angelegte Offensive gegen kurdische Truppen im Nordwesten Syriens begonnen. Die „Operation Olivenzweig“ zielt auf die mit den USA verbündeten syrischen Volksschutzeinheiten YPG. Türkische Kampfflugzeuge bombardierten Stellungen der YPG.

Ministerpräsident Yildirim hatte den Einsatz von Bodentruppen am Samstag angekündigt. Er sagte nach Angaben des Senders NTV, zunächst sei das Ziel, eine Deeskalationszone zu schaffen.

Am Morgen hatte Anadolu gemeldet, Kämpfer der FSA seien in das von den YPG kontrollierte Gebiet Afrin vorgerückt. Die Kurden bestritten die Darstellung. Sprecher Suleiman Dschafar sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Ich kann versichern, dass niemand auch nur einen Zoll in die Region Afrin eingedrungen ist.“ Dies sei nichts als Propaganda von türkischer Seite.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte das Eindringen der FSA zunächst nicht. Sie berichtete zwar von heftigen Kämpfen zwischen „türkischen Truppen“ und Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einer Allianz unter Führung der YPG. Die Kämpfer versuchten nach Afrin vorzurücken, zunächst hätten die Kurden sie aber davon abgehalten.

Beide Seiten belegten sich demnach mit Artilleriefeuer. Zu möglichen Opfern gab es zunächst keine Angaben. Auch die türkischen Luftangriffe gingen den Menschenrechtlern zufolge am Sonntag weiter. Am Vortag seien durch die Bombardements sechs Zivilisten gestorben, darunter ein Kind. In der türkischen Grenzprovinz Kilis schlugen nach Angaben von Anadolu am Morgen drei Raketen aus Syrien ein. Eine Person sei leicht verletzt worden.

Die Türkei sieht die YPG als syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sie im eigenen Land bekämpft. Von ihrer starken Präsenz an der türkischen Grenze fühlt sich Ankara bedroht.

Das Vorgehen der Türkei ist auch deswegen riskant, weil in der Region um Afrin russische Soldaten stationiert waren. Moskau hatte sie nach Beginn der Offensive verlegt und betont, man beobachte das Vorgehen mit Sorge. Russland und die Türkei treten bei den Syrien-Gesprächen in Astana und den geplanten Friedensgesprächen in Sotschi als Schutzmächte der Regierung und der Rebellen auf.

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2 Kommentare zu "Internationale Kritik: Türkische Truppen marschieren in Syrien ein"

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  • Ausnahmsweise gebe ich Herrn Keizer in vollem Umfang recht.

  • Wie war das noch mit einem Angriffskrieg? Handelt es sich dabei nicht um ein Kriegsverbrechen? Wann werden die ersten Sanktionen gegen die Türkei beschlossen? Wann werden die Beitrittsverhandlungen zur EU mit dem Aggressor abgebrochen? Wann werden staatliche türkische Aktivitäten in Deutschland intensiver untersucht? Für den Kampf gegen den IS konnte man die Kurden gut gebrauchen. Jetzt hat der . . . . . . (Mohr darf man ja nicht mehr sagen) seine Schuldigkeit getan, jetzt kann man Bomben auf seine Städte werfen. Wer solche Verbündete hat, sollte sich tunlichst keine Feinde machen. Die Zuverlässigkeit der Türkei für die Nato sollte auch dringend überprüft werden.

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